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Paradoxe Verschreibung in psychologischer Beratung und Therapie

Definition

Die paradoxe Verschreibung ist eine Methode der systemischen Psychologie. Im Rahmen des zirkulären Fragens werden Hypothesen über die Familie oder das Team aufgestellt und Hausaufgaben vergeben.
Die Hausaufgaben bestehen in einer Beobachtung, einer Verhaltens-Verordnung (harte Form) oder einen Vorschlag (weiche Form).
Das Paradoxe daran ist, dass es die Erwartungen der Teilnehmer nicht erfüllt. Ein Rat in der linearen Beratung wird erwartet, liegt nahe. Rat führt aber meist zu Widerstand, oft in Form nicht gemachter Hausaufgaben.
Paradox ist:
  1. die Aufforderung, nichts zu ändern, sondern weiter zu beobachten.
  2. zu etwas auffordern, was in den Augen der Teilnehmer zu einer Verschlimmerung führen muss oder riskant ist.
  3. Verschiedene Teilnehmer zu unterschiedlichen Verhaltensweisen auffordern, die individuell befriedigend, aber für beide oder alle unvereinbar sind.
  4. Eine Verhaltens-Alternative auszumalen, die für einzelne oder alle sogar sinnvoll erscheint. Dann aber zu begründen, warum die Personen dazu nicht in der Lage sind, oder die Nachteile der Alternative auszumalen, mit der Aufforderung (hart) oder Empfehlung (weich), die Finger davon zu lassen.
  5. Rollenwechsel: bis zum nächsten Mal verhält sich Mutter wie Vater, Vater wie Mutter, Erziehungsaufgaben werden von den Eltern auf Kinder delegiert (genau beschreiben, was für Aufgaben) u.a.m.
zu 1.
Die Beratungsteilnehmer wollen meist eine schnelle Änderung, obwohl das Problem meist schon lange in starrer Weise besteht. Der Therapeut begründet die Beobachtungsaufgabe damit, dass noch nicht genügend Informationen über das Problem und die damit verbundenen Zusammenhänge vorhanden sind.
Therapeutische Begründung: es wird erlaubt, die Symptomatik erst einmal zu behalten, der Antreiber wird geschwächt, die Emotionen gehen herunter. Außerdem zieht die Beobachtungsaufgabe Aufmerksamkeit von der eigenen Person ab, zugunsten eine Neugierhaltung: was ist da eigentlich los mit uns? Wie machen wir das, dass es nicht besser wird?
Die Aufgabe kann noch verschärft werden, indem man den Teilnehmern rät, die Konfliktsituationen wie ein Theaterstück zu spielen. Jeder gestaltet seine Rolle absichtlich, wie er sie bisher schon scheinbar unfreiwillig gespielt hat.

zu 2.
Eine übergewichtige Klientin auffordern noch mehr zu essen und 20 Pfund zuzunehmen (Erikson).
Therapeutische Begründung: Den Zyklus Abnehmen-Zunehmen durch den Zyklus Zunehmen-Abnehmen zu ersetzen.
Oder: der Antreiber Abnehmen wird durch den Antreiber Zunehmen getauscht. Abnehmen wird zur Erlaubnis.

Eine Schülerin, die vor Aufregung immer ungenügende Mathearbeiten abliefert, auffordern, mit akribischer Vorbereitung eine "Fünf" zu planen. Indem sie nicht zusätzlich lernt und während der Arbeit herumtrödelt, oder eigene Strategien erfindet, wie sie die Arbeit 'vergeigen' kann.
Im konkreten Fall schrieb die Schülerin eine "Vier".
Therapeutische Begründung: Erlaubnis statt Antreiben.

zu 3.
Vater kontrolliert 15-jährige Tochter, wann sie Abends nach Hause kommt. Sie soll sagen, wo sie hin geht und mit wem sie zusammen ist. Seine Bemühungen, seine Verärgerung, seine Strafen sind wirkungslos oder halten nicht lange vor. Sie bleibt gelegentlich fast die ganze Nacht weg.
Vater soll noch strenger und ärgerlicher sein, Tochter soll noch unzuverlässiger sein und noch später nach Hause kommen.
Therapeutische Begründung: Beiden wird erlaubt, so weiter zu machen, es wird vom Therapeuten akzeptiert, dass sie so handeln. Beiden wird erlaubt, ineffektiv zu sein und die Nebenwirkungen aushalten zu müssen. Der Druck geht heraus, es ist viel weniger Gesichtsverlust, wenn man das ganze Theater einfach sein lässt und offen für ein anderes Umgehen miteinander wird.

zu 4.
Ein Teilnehmer beklagt sich über einen Nachbarn, der mehrmals in der Woche giftigen Müll in seinem Garten verbrennt: Gummi, lackiertes Holz, Plastik. Er ärgert sich, und es vergällt ihm das Wohnen. Mit dem Vorschlag, den Nachbarn zu einem Gespräch zu bitten, ihn anzuschreiben und schließlich Anzeige zu erstatten (meinetwegen die Anzeige auch gleich loszuschicken), kann er sich nicht anfreunden. Erübergeht diesen Rat einfach und klagt weiter.
Der Teilnehmer ist ein harmoniebedürftiger Mensch. Er will gemocht werden. In seinem Moralkodex wird 'Petzen' sehr negativ bewertet.
Der Therapeut erläutert kurz: es ist verboten und gesundheitsschädlich, solchen Müll zu verbrennen. Eine Anzeige ist das Natürlichste der Welt, denn das Verhalten des Nachbarn ist indiskutabel, gemeinschaftsschädigend.
Aber: der Therapeut sieht ein, dass die emotionale Reaktion nach so einer Anzeige den Teilnehmer noch viel mehr quälen wird als der jetzige Ärger. Er wird sich schlecht vorkommen. Deshalb ist es besser, den illegalen Gestank auszuhalten und sich im stillen Kämmerlein zu ärgern. Außerdem: man schwärzt keine Nachbarn an (der Ausdruck 'schwärzen passt' gut zu der Problematik).
Therapeutische Begründung: der Therapeut akzeptiert die gedankliche Zustimmung und die emotionale Abwehr des Teilnehmers. Der Therapeut ist dem Teilnehmer nicht böse, ganz gleich wie der sich entscheidet. Der Teilnehmer bewahrt seine Autonomie. Er wird möglicher Weise trotzig und tut das, was getan werden muss.
Dieses Vorgehen eignet sich auch bei Paar-Problemen, unerfüllten Trennungswünschen.
Manchmal ist es ja auch besser, das Problem zu behalten. Oder zu hoffen, dass andere es lösen.
Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem zurück.
zu 5.
Familienmitglieder beobachten einander genau und kennen sich aus dem Effeff. Es ist ihnen ein Leichtes, Vater,Mutter, Geschwister zu imitieren. Daher bietet sich ein temporärer Rollentusch gerade zu an, und alle lernen viel über die Emotionen der anderen, oder sie beobachten, wie andere ihre Rolle spielen und lernen daraus. Wenn es gut läuft, kann sich daraus ein gutes und lehrreiches Theater entwickeln, das alle entspannt.
Die Familie übergibt die Hausaufgabenkontrolle und -hilfe vom Vater auf die kleinere Schwester ...

Literatur