Lernen und Zusammenleben. Dr. Uwe Wiest

Entspannung     Entwicklung der Person     Gesellschaft     Gespräch     Lernen    Schulpsychologie    Schulvermeidung     Supervision    Testen     Unterhaltung

Neubesinnung auf die kirchlichen Feiertage.

Religion beruht meines Erachtens auf einem Missverständnis über Gott und Menschen. Gott oder was auch immer hat den Menschen als eine Kreatur entstehen lassen, die sich selber positiv entwickeln kann. Es macht keinen Sinn, Gott um Frieden und Erlösung zu bitten, wir sind so gebaut, dass wir den Frieden und die Erlösung selber herstellen können, wenn wir das wollen. Nur so kann es etwas werden.

Was soll man von einem Schüler halten, der, anstatt sich vorzubereiten, Gott anfleht, er möge ihm doch eine gute Zensur bescheren?

Werden wir das irgendwann begreifen? Hoffentlich bald. Dazu können richtig verstandene Feiertage uns verhelfen.

Ein Entwurf:

Karfreitag:

Gedenken an die vielen durch Obrigkeiten misshandelten und ermordeten Menschen.

Jesus von Nazareth ist ein Symbol dafür, wie eine Obrigkeit mit ihrer Verstrickung in politische und militärische Abhängigkeiten und dem Bedürfnis, ihre Pfründe zu bewahren, anders Denkende kriminalisiert und in Schauprozessen entwürdigt und ausschaltet.

Seit jener Kreuzigung haben Menschen zwei Jahrtausende gleich Schlimmes oder Schlimmeres erlitten. An die wollen wir denken und um sie trauern.

Es geht auch um die mörderische Gewalt vergangener und teilweise auch gegenwärtiger Religionsvertreter und ideologen. Solche mit Staatsgewalt hatten in der Vergangenheit kein Problem mit Gräueltaten, um ein Vielfaches gemeiner und schlimmer als jene Kreuzigung.

Die Kirchen haben mit ihrem Sündenbegriff daraus etwas ganz anderes gemacht. Zum Beispiel die Kriminalisierung von sexuellem Verhalten. Die Erfindung der Erbsünde, die angebliche Verdorbenheit der Menschen von Anfang an.

Ostern:

Gedenken an die Menschen, die Terror und Unterdrücken überwunden haben, und die Freiheit wieder auferstehen ließen.

Das ist die Hoffnung zum Osterfest. Die Leiden und das Sterben der Opfer staatlicher und militärischer Gewalt aller Systeme war nicht vergeblich. Viele haben dafür etwas getan, dass Freiheit und ein lebenswertes Dasein neu entstand. Freiheit, gegenseitiges Verständnis, anderen ein schönes Leben gönnen, es aushalten, wenn andere anders denken und fühlen, das ist wahre Auferstehung.

Himmelfahrt:

Daran denken, dass es möglich ist, auch auf uns selbst gestellt eine akzeptable menschliche Zivilisation zu gewährleisten.

Himmlische Botschafter können beruhigt abreisen.

Nach der Beglückung darüber, dass Unterdrückung, Krieg, Mord, Ausbeutung, Gier auf Kosten anderer, also alle Schlechtigkeiten von Menschen gegenüber Mensch (und Tier) immer wieder überwunden wurden, nehmen wir unser Schicksal selber in die Hand.

Die Menschen sind nicht ausgeliefert. Sie können den Himmel auf Erden schaffen. Darauf richten wir an diesem Tag unsere Aufmerksamkeit. Wir sind vernunftbegabt. Dann nutzen wir auch unsere Vernunft.

Pfingsten:

Denken und Verkünden des Positiven im Menschen.

Von einem guten Geist inspirierte frohe Menschen stecken andere laut mit ihrer Freude an.

Es ist das Fest einer positiven Presse und digitalen Kommunikation.

Wir sollen aufhören mit der Sensationsgier, dem Verbreiten jeden Verbrechens auf dem ganzen Planeten, auf der Anstachlung von Angst und Wut durch Sondermeldungen über das Böse. Wir wollen alle verkünden, wie die Welt besser gemacht werden kann, welche Beispiele es dafür gibt, wie Menschen und Organisationen etwas „auf die Beine stellen“.

In der Presse wird jede gräuliche Sache aufgebauscht, interessante konstruktive Sachen bleiben hintenan. Umgekehrt sollte es sein.

Für 30 Jahre Ehrenamt gibt es vielleicht ein Verdienstkreuz. Wenn du jemanden abstichst, wir darüber mehrfach berichtet. Nach der Tat, über den Prozess, die Revision, die Nachahmer und so weiter. Pfingsten heißt, wir verkünden ab jetzt vornehmlich frohe Botschaften.

Buß- und Bettag:

Denken an meine Fehler, Unzulänglichkeiten und auch an meine guten Taten, und planen: weniger von dem einen, mehr von dem anderen.

Ich ziehe Bilanz im Sinne von zukünftigen guten Taten für gedanken- und liebloses Verhalten in der Vergangenheit – und für ausbaufähige gute Beispiele.

Es geht darum, zukünftig etwas besser zu machen und aus Fehlern und Unzulänglichkeiten im Denken, Fühlen und Handeln zu lernen. Es geht nicht darum, sich in Gedanken an solche Unzulänglichkeiten zu suhlen. Vielmehr macht es auch Sinn, an Situationen zu denken: wo war ich mal so, wie ich immer sein möchte? Kann ich das in der Zukunft ausbauen? Ich möchte mit mir und meinen Mitmenschen künftig besser umgehen und damit zufriedener sein.

Eine ganz wichtige Frage, die ich mir an diesem Tag stelle:

Was sind meine Ideale, und wie kann ich meinen Idealvorstellungen mehr entsprechen?

Advent:

Die Erwartung eines Lichts im Dunkeln.

Das Dunkel steht für Verzagtheit, Leiden, Hoffnungslosigkeit. Und dann kommt das Licht. Es wird besser, es gibt den Umschwung. Du bekommst ein Kind. Du lernst jemanden kennen mit großer Bedeutung für dich. Du besiegst deine Schmerzen. Es wird für dich bald ganz entscheidend besser.

Die bevorstehende Erlösung kann auch der Tod sein. Bei Nahtod-Erlebnissen sehen die Menschen ein Licht.

Zur Adventszeit gehört, dass wir versuchen, aktiv ins Licht zu kommen. Vier Wochen immer einen Schritt weiter. Sport treiben nach einem gerade ausgestandenen Unfall. Daran denken, womit man seinen Mitmenschen Weihnachten eine Freude machen kann. Oder auch sich selbst.

Weihnachten:

Für das Eintreffen unserer Hoffnungen.

Eine schwangere Frau weiß nicht einmal, wo sie ihr Kind gebären soll. Wie vielen Frauen geht das so, die auf der Flucht sind oder sonst in einer misslichen Lage?

Dann wird es richtig schön. Es wird hell, Mutter und Kind stehen im Mittelpunkt, es sind Menschen da, die Mutter und Kind bedeutsam finden und sich mit ihnen freuen, dann wird es immer besser, es kommen sogar drei Weise ...

In tiefer Not und Dunkelheit wird auf einmal alles ganz hell und schön und toll.

Liegt das vielleicht auch daran, dass die Mutter weiß: ich bin bedeutsam. Mein Kind ist bedeutsam. Komme, was da wolle!?

Es ist wichtig, sich selber zu vertrauen, an die Zukunft zu glauben – und sich selber zu feiern, auch unter kläglichen Umständen. Weihnachten ist das positive Ergebnis unserer unerschütterlichen Hoffnungen.



© Dr. Uwe Wiest, Delmenhorst, Dezember 2022