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Rat geben und (nicht) annehmen.

Grundlagen

Im privatem Umgang, besonders aber in ärztlichen und sozialen Berufen gibt man gern mal einen Rat, man wird ja danach gefragt, und dann machen die Leute das nicht oder das Gegenteil.

Das ist für Rat Geber kränkend oder doch zumindest ein Grund für Kopfschütteln, nach dem Motto: wie blöd ist das denn?

Wir wollen nicht beim Wundern oder gekränkt Sein stehen bleiben und fragen uns nach den Ursachen:

Rat Geber und Rat Nehmer sind nicht in derselben Situation, und sie sind nicht auf Augenhöhe:

Rat Geber haben das Problem nicht, und sie wollen dazu beitragen, dass das Gegenüber das Problem auch los wird oder abmildern kann. Jemand, der selber das Problem nicht hat, wird leicht als überheblich und verständnislos wahrgenommen. "Ja, wenn das so einfach wäre."

"Vom sichern Port lässt sich's gemächlich raten", damit bringt der Fischer Ruodi im Wilhelm Tell zum Ausdruck, dass der andere wohl nicht verstanden hat, wie schwierig die Situation ist und es sich ein bisschen sehr leicht macht.

Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer, technische und handwerkliche Fachleute sind per Definition ihrer Rolle schon überlegen, sie wissen es besser oder solten es besser wissen. Es fält nicht immer leicht, das anzunehmen, und dann kommt der schülerhafte Trotz zum Tragen.

Es ist schon ärgerlich genug, das man andere um Rat fragen muss. Zwar hofft man auf einen guten Rat, aber man fürchtet die Unterordnung, die sich aus dem Befolgen eines Rates ergibt. Der Rat Geber fühlt sich groß, die Rat Nehmer fühlt sich klein. Psychologisch entgeht man dieser Situation, indem man den Rat nicht befolgt, selbst wenn man sich dadurch beschädigt. Man nimmt die Pillen nicht, man hört nicht auf zu saufen und zu rauchen, man treibt keinen Sport, man schreit die Partnerin oder den Partner weiter an, man kommt weiterhin zu spät, man liest keine Gebrauchsanweisungen und macht Geräte kaputt, man lernt nicht regelmäßig, sondern erst, wenn die Panik groß und die Lage hoffnungslos ist, man geht nicht zum Arzt, wenn man krank ist und arbeitet bis zum Umfallen, mit anderen Worten, man macht nicht das, was vernünftig ist, weil andere einem raten, das zu tun.

Auf diese Weise erhält man seine Autonomie und sein Selbstbewusstsein.

So viel zum Rat Nehmer.

Rat-Schläge sind oft aber auch sehr pauschal und im Grund ohne Detail-Anweiung nicht durchführbar. Sie zeigen eher, dass man jemanden los werden als dass man ihm helfen will:

Trenne dich doch von ihm, lieber allein sein als das auszuhalten. Du findest bestimt bald einen anderen.

Ein solcher Rat vernachlässigt die gesamte Gefühlsebene. Wie soll man jemanden verlassen, den man liebt, nur weil er sich so fies verhält? Sie möchte ja, dass er damit aufhört und nicht dass er aus ihrem Leben verschwindet.

Du musst dich jeden Tag eine Stunde hinsetzen und lernen, dann bist du nach kurzer Zeit aus dem Schlamassel heraus und hast wieder Erfolgserlebnisse.
Das Problem ist aber, dass er überhaupt keine Lust zum Lernen hat, dass allein der Anspruch Widerwillen hervorruft. Es sind die negativen Gefühle, die ihn daran hindern, zu lernen. Er kann sich nicht aufraffen, dagegen anzugehen oder das Lernen anders zu gestalten. Oder er glaubt aus tiefster Seele nicht an den Erfolg.

Rat wird also deshalb oft nicht angenommen, weil er signalisiert: das ist doch ganz einfach, du musst nur wollen. Einfach mal am Riemen reißen. Damit fühlt sich der Rat Nehmer unverstanden.

Rat ist oft pauschal und nicht auf die individuelle Situation bezogen. 

Es kann aber auch sein, dass Rat Geber sich gar nicht vorstellen können, so ein Problem zu haben und in der Tag in gleicher Situaiton ganz einfach das Richtige tun würden. Vielleicht ist gerade das Bedenken Tragen das Problem. Jemand handelt nicht, weil er zu viele Abers im Kopf hat.

Das fängt schon beim Schreiben einer Gebrauchsanweisung an. Kann jemand, der ein Produkt und seine Anwendung genau kennt, eine Gebrauchsanweisung so schreiben, dass Neulinge verstehen, wie es geht? Kann man sich in einen Unwissenden zurückversetzen? Kann jemand, der weiß wie es geht, sich vorstellen, auf welche Ideen manche kommen, die das noch nicht wissen?

Eine Person hat ständig Streit, weil sie Recht haben will, wenn sie Recht hat, oder weil sie eine Beleidigung nicht hinnehmen will. Eine andere Person sagt hingegen: das geht mir in ein Ohr rein und aus dem anderen heraus. Man kann mich gar nicht beleidigen, ich weiß doch, wer es sagt, und dass das nicht stimmt. Aber das als Rat zu geben, macht wenig Sinn. Meistens jedenfalls.

Manchmal fällt ein Rat eben doch auf goldenen Boden. Zur rechten Zeit, von der richtigen Person.Das Rat-Wirksamkeits-Zeitfenster (RWZ).

Erfolgreicher Rat Geben

Hallo Rat Geberin, Rat Geber,

Signalisiere der anderen Person: du bist auch nicht perfekt, du bist auch jemand, der nicht immer  vernünftig ist und sich darüber ärgert. Du hast vieleicht keine Angst davor, in einen Tunnel zu fahren, aber vielleicht vor Spinnen. Du lernst immer rechtzeitig und gut verteilt, aber du schiebst die Steuererklärung vor dir her. Du schreist im Streit nicht herum, aber du maulst leicht.

Gebe nicht vorschnell einen Rat, höre erst mal zu.Wie Ärzte und Psychologen sagen, exploriere erst einmal das Problem nach verschiedenen Gesichtspunkten.

Psychologen entdeckten vor einigen Jahren das Prinzip der paradoxen Beschreibung. Empfehle das Gegenteil von dem, was du für richtig hältst oder rate dazu, nichts zu tun, wo etwas geschehen müsste. Oder noch mehr von dem Falschen zu tun. Du kannst auch sagen: warum willst du das denn ändern? So schlimm ist es doch noch nicht und Ändern ist anstrengend, entspricht so gar nicht deinem Wesen.

Der Gedanke dabei ist: der Trotz gegen Rat führt dann in die richtige Richtung. Ja, da sträubt sich dem Alltags-Berater natürlich alles.

Gut sind auch Sätze wie: Wenn du das nicht ändern willst oder kannst,

... muss es dafür einen Grund geben, du solltest das erst herausfinden, bevor du einfach etwas anders machst.

... ist das Problem einfach noch nicht schlimm genug. Finde es heraus, indem du noch mehr schreist, rauchst, faulenzt, dich zurückziehst, pausenlos redest, deiner Angst nachgibst, isst oder hungerst, indem du dich gar nicht mehr bewegst, immer allen die Wahrheit sagst, auch wenn sie keiner hören will.

Ratgeber, du wirst dir Sorgen machen, dass die Rat Nehmer sich nicht ernstgenommen fühlen, wenn du so etwas sagst. Meistens ist das nicht so, es gibt sogar eine gewisse Erleichterung.

Du gibst der anderen Person die Freiheit selber zu entscheiden was sie tun will.

Es gibt auch einfachere Methoden: rate mehreres, was eigentlich nicht miteinander vereinbar ist. A, B, C. Der Rat Nehmer kann wählen.

... Kaufe dir ein Haus, dann hast du Eigentum und kannst darin tun und lassen, was du willst.

... Miete dir eine Wohnung, dann kannst du jederzeit leicht wegziehen.

... Kaufe dir ein dickes Auto, dann schindest du Eindruck.

... Kaufe dir einen Kleinwagen, dann kommst du in jede kleine Parklücke.

... Gib dein anstrengendes Studium auf, gehe in deinen alten Beruf zurück und suche lieber dein persönliches Grlück,

... Lass mal eine Zeitlang alles links und rechts liegen und kniee dich voll in dein Studium. Wenn du Erfolg hast, kannst du dich imer noch um die anderen Dinge kümmern.

Der Teufelskreis des linearen Beraters: Ein linearer Berater, das ist einer, der einen Rat gibt, und die andere Person folgt dem oder nicht. Wenn sie dir folgt, wirst du belohnt, wenn nicht, wirst du bestraft. Dein Wohlbefinden hängt vom Befolgen deines Rats ab. Du dachtest, der Rat Nehmer ist von dir abhängig. Plötzlich ist es anders herum. Er hat es in der Hand, ob du dich als Versager oder der große Experte siehst.

Das Gegengift: Dein Rat ist keine Anordnung, sondern ein Vorschlag. Er ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern ein Versuch. Wenn er nicht befolgt wird, musst du einen anderen Weg gehen. Du weißt jetzt etwas, was du vorher nicht wusstest: der Rat Nehmer kann deinen Rat so nicht umsetzen. Ihr müsst die Lage neu analysieren.