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© Dr. Uwe Wiest, Delmenhorst 2018

Schulpsychologie oder Psychologie in der Schule?

Das Psychologiestudium bereitet die Bachelor- und Masterstudenten auf breiter Basis für verschiedene berufliche Felder vor.

Akademisch ausgebildete Psychologen (Diplom-Psychologen,  Master of Science (M.Sc. Psychologie), Master of Arts (M.A. Psychologie) streben allerdings hauptsächlich in klinisch orientierte Berufe.
Auch im Bildungswesen werden Psychologen gern angestellt, um sich im Einzelfall mit gestörten Schülerinnen und Schülern zu befassen und im Rahmen dieser Einzelfall-Beratungen auch Lehrkräfte und Familien einzubeziehen.
Schulpsychologische Dienste werden infolgedessen entsprechend als periphere Beratungsstellen organisiert und ihr Angebot entsprechend auf die Einzelfallbetreuung reduziert.
Das ist Verschwendung. Das fachliche psychologische Wissen im Sinne von Sozialpsychologie, speziell Gruppendynamik, Verwendung von Forschungsmethoden, Wahrnehmungs- und Lernpsychologie, differenzieller Psychologie findet im Bildungswesen auf der politischen Ebene, in der Lehreraus- und fortbildung, in der Betreuung von Schulen und Schulsystemen, kaum Eingang.
Das wiederum führt als Regelkreis dazu, dass sich im Bildungs- und Schulbereich auch in der Mehrzahl psychologische Fachkräfte bewerben und dann wiederfinden, die ausschließlich klinisch-therapeutsch orientiert und interessiert sind.
Es gibt allerdings auch andere Berufsgruppen, die diesen Bereich für sich reklamieren: Sonderpädagogen, Sozialpädagogen, Lehrkräfte mit eine zusätzlichen Spezialfort- oder -weiterbildung, zum Beispiel in den Bereichen Lese-Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche.
In Bremen hat das einseitige Interesse der meisten Psychologinnen und -psychologen auf den Einzelfallbereich dazu geführt, dass eigenständige Organisationseinheiten der Psychologen - Schulpsychologische Dienste, Schülerhilfe - wegorganisiert wurden, so dass die Psychologen als Einzelhilfe-Personal in sogenannten multiprofessionellen Teams aufgehen.

Der Absturz der Schulpsychologie in Bremen und in Hamburg in die Einzelfall-Nische:

In Kultusministerien und  Schulaufsichtsbehörden spielen sie keine Rolle. Im psychologischen Bereich des Normalen werden sie nicht um ihren professionellen Rat gefragt.
Nun kann man sicherlich über die Kurzsichtigkeit der Führungskräfte in den Bildungssystemen klagen. Die Medaille hat allerdings zwei Seiten, wie ich in Bremen im Laufe meiner Berufskarriere erfahren durfte.
In Bremen gab es ursprünglich ein Referat Schulpsychologie in der senatorischen Behörde. Dieses wurde zunächst im Laufe der Zeit räumlich ausgegliedert. Obwohl Teil der Abteilung Schulaufsicht fand eine Integration der Schulpsychologen in die Arbeit der Schulaufsicht und Schulplanung so gut wie nicht statt.
Allerdings hätte es auch eine Bringeschuld der universal ausgebildeten Psychologen gegeben. Es gab durchaus Ansätze, in der Lernplanung mitzuwirken oder bei der Organisation von Förderunterricht in den Schulbezirken. Aber das waren Aktionen einzelner Schulpsychologen.
Insofern entbehrten die Behördenvertreter auch nichts, als die Schulpsychologie auch formal ausgegliedert wurde, die neue Anbindung geschah an das Landesinstitut für Schule, eine nachgeordnete Dienststelle mit den Schwerpunkten Lehraus- und -fortbildung. Damit gab es keinerlei institutionelle Bindung mehr an die Behörde, also keine regelmäßigen Kontakte mit Schulaufsicht und Referenten, keine Einbindung in planerische Aktivitäten, keine Formen der Beratung von Entscheidungsträgern.
Das störte die Mehrzahl der Schulpsychologinnen und -psychologen auch gar nicht weiter. Die Gewebeabstoßung hatte nämlich auch die Seite der Psychologen: man huldigte dem Prinzip der Arbeit im Verborgenen.

Vertraulichkeit und die Arbeit im Verborgenen.

Die berufliche Verschwiegenheit der psychologischen Fachkräfte im Schulbereich ist ganz wichtig. Dinge, die in der Beratung besprochen werden, persönliche Inhalte, sind geschützt und verlassen den Beratungsraum nicht. Das geht weit über den beamtenrechtlichen Datenschutz hinaus. Ohne die besondere Verschwiegenheit der Schulpsychologinnen und -psychologen ist die Beratungsarbeit, die private Details umfasst, nicht möglich. Redselige Berater sind Gift für die Offenheit, die bei der Lösung von Problemen und Konflikten nötig ist. Das betrifft auch die Nicht-Weitergabe von persönlichen Informationen an andere Berater: Ausnahme: Supervisionsgruppen. Auch da werden Fälle ohne Namensnennung besprochen, und es besteht ein striktes Verbot, über die Supervisions-Sitzungen mit Außenstehenden zu sprechen.

Tragikomisch wird es allerdings, wenn Schulpsychologen ihre gesamte Beratungsarbeit zu Geheimsache erklären:

Oberbegriff: Die Arbeit im Verborgenen.

Für einige Schulpsychologinnen und Schulpsychologen war die gesamte Arbeit geheim.
Im Grunde gab es keinen Schulpsychologischen Dienst, sondern einzelne Schulpsychologen, jede und jeder mit einem Stadtbezirk. Die Tendenz, sich komplett abzuschirmen ließ sich auch durch Supervision nicht überwinden, sondern nahm im Laufe der Jahre noch zu. Das in der senatorischen Behörde kursierende Wort von „den freischaffenden Künstlern“ wurde immer mehr zur Realität.

Maßnahmen-Statistiken am Ende des Jahres? Die Schaffung von Fachspezialisierungen zusätzlich zur Eigenverantwortlichkeit in den Schulbezirken? Beteiligung an der Beratungslehrer-Ausbildung? An Fortbildung von Pädagogen überhaupt? Supervisionsgruppen für Lehrer? Testentwicklung und andere methodisch-diagnostische Ansätze für die Schulen? Beratung von Behördenvertretern? Das machte eine Minderheit, ansonsten wurde alles misstrauisch beäugt und gegebenenfalls bekämpft. Die Festlegung wissenschaftlich begründbarer Standards für die Arbeit? Wurde unterlaufen.

Kritik von Lehrkräften, Schulen, Eltern wurde nicht zugelassen. Klärungsversuche von mir, dem Dienstvorgesetzten, wurden blockiert, immer wieder wurde mit dem Personalrat gedroht oder er wurde sogar eingeschaltet, eine fragwürdige Ausweitung seiner Zuständigkeit, die ja nicht nur von mir beklagt wurde. Mehrere Kollegen waren selber Funktionsträger im Personalrat.

Es gab ein Riesentheater, weil eine Schule nicht den für die Einzelfallarbeit zuständigen Psychologen, sondern einen anderen als Referenten eingeladen hatte. Jeder Mitarbeiter der senatorischen Behörde oder des Fortbildungsinstituts durfte Referent sein, aber doch nicht der Kollege aus dem Schulpsychologischen Dienst. Das wurde als persönlicher Angriff, als tiefe unverzeihliche persönliche Beschädigung und Kränkung behandelt - und als Verletzung der Neutralitäts- und Fürsorgepflicht durch mich, den Vorgesetzten, weil ich das nicht unterbinden wollte. Bezeichnender Weise wurde der Begriff "Wildern" verwendet, der ja aus der Welt des waldbesitzenden Hochadels stammt.

Dieser Kampf um Undurchsichtigkeit, Konkurrenzvermeidung, Autonomie um jeden Preis mit allen ihren unangenehmen persönlichen Folgen zog sich über Jahre hin, bis zur Auflösung des schulpsychologischen Dienstes.

Das alles ist besonders tragikomisch bei einer Berufsgruppe, die Offenheit und Selbstauseinandersetzung zum beruflichen Glaubensbekenntnis machte - für die Kunden, nicht für sich selbst.

Nach außen hatten die Schulpsychologen dennoch überwiegend einen guten Ruf. Das zeigte die konstant hohe Frequentierung der Einzelfallarbeit, nicht zuletzt wegen der Vertraulichkeit, kombiniert mit Settings für die gemeinsame Problemlösung: mit Familien, Lehrern und Eltern, Lehrern und Schülern, auch mal zwischen Lehrern.

Vermutlich hätten die meisten Schulpsychologen einen fachfremden Vorgesetzten besser ertragen – so wie das jetzt in den REBUZ organisiert ist (Regionale Beratungs- und Unterstützungs-Zentren. Die gibt es jetzt auch in Bremerhaven, Hamburg war dabei Vorreiter).

Und so scheint es zu sein. Wie ich hörte, sind die Schulpsychologinnen und -psychologen in den multiprofessionellen Teams und mit einer Sonderpädagogin als Leiterin zufrieden. Sie sind jetzt alle nur noch mit der Einzelfallarbeit bei Störungen im Schulleben befasst. In der Einzelfall-Nische angekommen - im Verborgenen.

Es wäre natürlich einseitig, diese Entwicklung bestimmten Personen zuzuschreiben. Ein Dienst, der ohne echte Anbindung an die Schulgestalter und Schulverwalter daherschwebte und im eigenen Saft langsam gar kochte, musste sich über kurz oder lang selber zerlegen.

Was die senatorische Behörde dadurch verliert - oder wie sie sich von behördeninternem Rat befreit.

Vorbemerkung: Nicht nur die. Die Verhältnisse in Niedersachsen sind noch viel verheerender. Dort hat man die Schulpsychologie so ausgedünnt, dass sie praktisch abgeschafft ist.

Die Schulpsychologen kannten die Sorgen der Schüler, Eltern, Lehrer, detailliert. Aufgrund der Einzelfallhilfe, Hospitationen in den Schulen, Gespräche mit den Schulleitungen, Supervisionsgruppen mit Teilkollegien, Projekte an einzelnen Schulen. Die Vertreter der senatorischen Behörde wollten und konnten auf dieses Wissen nicht zurückgreifen. Wenn man sich das Leid und die Überforderung der Pädagogen, zum Beispiel im Grundschulbereich, ansieht, die Zustände in den Gebäuden, die Probleme mit der veränderten Zusammensetzung der Schülerschaft, wäre das ein ganz wichtiger Informationskanal gewesen. Das gilt bis zum heutigen Tag.
Ein Beispiel so ganz nebenbei: natürlich kannten die Schulpsychologen die Schulen. Die eine oder andere Fehlbesetzung von Schulleiterstellen mit den folgenden Konflikten hätte verhindert werden können?

Eine ganze professionell ausgebildete Berufsgruppe mit ihrem Potential wurde und wird einfach nicht genutzt. In der Tat konnte ich im Laufe meiner Berufsjahre eine gewisse Verhärtung der Entscheidungsträger feststellen. Meine Versuche von Systemberatung wurden zum großen Teil ignoriert (wie sagt der Lernpsychologe? Gelöscht). Eine Kollegin kümmerte sich um Fragen der lerngerechten Schulausstattung. Die Zuständigen hatten kein Interesse. Sie hörte dann damit auf.

Die politische Ebene versteht nicht, dass die starke Frequentierung eines Schulberatungs-Systems kein Zeichen für eine schlechte Schule ist, sondern genau das Gegenteil: Probleme von Schülern und auch Lehrern werden aufgefangen, weit bevor eine Katastrophe eintritt. Schulpsychologie ist ein Angebot für normale Menschen mit zeitlich begrenzbaren Schwierigkeiten, die mit der Schule wieder glücklich sein und die Investitionen, die der Staat bereit stellt, zu ihrem Nutzen voll ausschöpfen sollen und wollen.

Stattdessen stecken Behörden Geld in den Umgang mit Leuten, die bereits rettungslos versaut und die so gut wie nicht mehr positiv zu beeinflussen sind, und die Fachleute, die sich daran abarbeiten müssen, werden auch noch gering geschätzt. Wie kommt das? Die Leute mit der Vorsilbe "Intensiv-" stören allzu sichtbar. Kleines Leiden dagegen interessiert nicht.

Ich habe mal einen Senator in einer Sitzung mit dem Hinweis auf die gute Auslastung der Schulpsychologen zu einem Zornesausbruch veranlasst. Er verstand das als Angriff auf die zukunftsorientierte erfolgreiche SPD-Schulpolitik. Man will einfach nicht wissen, was unter dem Teppich ist, vor allem dann, wenn es ein schöner Teppich ist.

Kommen wir daher zu einem Fazit des Gesagten:

Wie kann die Einbindung psychologischer Fachkompetenz in die Bildungsverwaltung gestaltet werden?

Allgemein:

  1. Psychologen mit akademischem Abschluss sind im Bildungsbereich an verschiedenen Stellen einsetzbar, nicht nur als klinisch orientierte Einzelfallberater. Der Titel "Schulpsychologe" ist zu engeengt. Man beschäftigt ja auch Juristen nicht nur in der Rechtsabteilung und ausgebildete Lehrer im Unterricht.

    Psychologen sind mindestens so universal verwendungsfähig wie Juristen. Ein Psychologe kann Landesschulrat, Staatsrat oder Senator sein, Referent für Lernplanung oder für Schulausstattung. Die Frage ist doch: was hat die Person von ihren Interessen, Teilqualifikationen und Erfahrungen zu bieten?

Schulpsychologie:
  1. Psychologen sollte man nicht in einen Stall sperren, unter Ausschluss anderer Berufsgruppen.

  2. Der Vorgesetzte sollte nicht in die Alltagsarbeit der Schulpsychologen eingebunden sein, damit neben der hierarchischen Position nicht auch noch eine fachliche Konkurrenzsituation entsteht. Der Vorgesetzte gehört auch räumlich getrennt, am besten als Referent in die Schulbehörde.
    Wenn klar ist, dass die eigentliche psychologische Tätigkeit nicht Aufgabe des Vorgesetzten ist, muss es auch kein Psychologe sein.

  3. Psychologen sollten öfter den Arbeitsplatz wechseln, damit nicht starre konflikthafte Strukturen entstehen. Keine betonartigen lebenslangen Zuständigkeiten! Wenn ein Beratungsdienst verschiedene regionale Standorte hat, sollte das Personal nach spätestens 5 Jahren neu sortiert werden. Das erzeugt eine kommunikative Frische. Auch die Schulen müssen sich dann wieder auf neue Berater einstellen.

  4. Es sei zu beachten, dass bestimmte fachliche Ausprägungen berücksichtigt werden: Einzelfallarbeit, Lehreraus- und -fortbildung, Supervision für Lehrkräfte, Testentwicklung, Lernplanung, Beteiligung an Einstellungen und der Auswahl von Schulleitern.

  5. Auch was solche fachlichen Schwerpunkte angeht, sollte nach einiger Zeit ein Wechsel möglich sein, um Routine und Starrheit vorzubeugen. Die Wechsel dürfen nicht als Gesichtsverlust, sondern als berufliche Chance gewertet werden.

  6. Die Punkte 3 bis 5 sind wichtig, weil es angesichts der Festangestellten-Situation im öffentlichen Dienst sonst kaum Wechsel gibt.
    Übringens habe ich genau das 1968 (!) in meiner ersten Deputationsvorlage angeregt, aber das passte nicht in die Beamten-Landschaft und so wird es heute auch noch sein, oder täusche ich mich da?

Wenn man sich diese Punkte ansieht, dann ist die Entwicklung in Bremen mit den Regionalen Beratungs- und Unterstützungs-Zentren ja gar nicht so falsch gelaufen. Die Psychologen müssen allerdings dafür sorgen, dass es in der konkreten Arbeit keinen Dilettantismus gibt, zum Beispiel in der psychologischen Diagnostik, bei der Anwendung von Lern- und Verhaltenspsychologie. Die Psychologen sollen intern als Fortbildner ihrer Kollegen eingesetzt werden, aber auch von den anderen Professionen lernen. Für die Rat Suchenden muss klar sein, welcher Profession die Beraterin, der Berater angehört.

Zu beklagen ist die erst räumliche, dann auch fachliche Ausgrenzung der Psychologie im Sinne einer sozialen Gewebeabstoßung.

Also? Siehe oben.

Ein Musterbeispiel: die Schulpsychologie in Tirol, Österreich.