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Schulpsychologie als Vermittlung, Einsicht und Aufsicht

© Dr. Uwe Wiest, 12.11.2017

Schulpsychologie hat eine doppelte Funktion: Sie ist das Angebot von Einzeldiagnostik und -beratung für Schülerinnen und Schüler und deren Eltern, fachlich gleichwertig zur Arbeit von kinderpsychologischen Praxen. Darüber hinaus ist Schulpsychologie der Versuch, das pädagogische Feld und die Familien näher zusammenzubringen.

Dazu müssen Familien und Pädagogen bzw. Schulen sich öffnen. Sie müssen erlauben, dass sie von Schulpsychologen durchleuchtet werden, denn sonst ist das Konfliktfeld nicht analysierbar.

Beide Seiten, Familien und Schule, profitieren davon, denn sie erfahren auch etwas von der jeweils anderen Seite, und alle Beteiligten können die Lage bei einem Schüler- und Schulproblem besser einschätzen. Das aber ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Arbeit am Schulproblem.

Das unterschiedet also die Arbeit von Schulpsychologen und Kinderpsychologen: zu jedem Fall gehört auch die kooperative Beratung Schüler-Eltern-Lehrer, ggf. Schulleitung. Schulpsychologie ist also Erziehungsberatung, klinische Kinderpsychologie und pädagogische Beratung bzw. Beratung im System Schule in einem.

Damit ist Schulpsychologie auch eine Form der Schulaufsicht, allerdings eine, die nicht von oben, sondern von außen erfolgt. Bei der Schulaufsicht geht es darum, dass ein Interesse der Schulbehörde an der Verbesserung schulischer Prozesse und Strukturen besteht. Initiativen der Schulaufsicht beinhalten immer auch eine Berichtspflicht der Schulen. Die Behörde blickt von oben hinein in die Schule, und was dabei herauskommt, hat einen Einfluss auf die Art der weiteren Unterstützung der Schule durch die Behörde.

Ob Schulaufsicht von den Schulleitungen, Lehrkräften und anderen Beteiligten als hilfreich, kooperativ oder bürokratisch erlebt wird, hängt nicht wenig von der persönlichen Umgangs-Art der Schulräte ab.

Schulpsychologen sind im Einzelfall verschwiegen gegenüber der Schulbehörde, aber ihr Eintreffen in der Schule ist trotzdem eine Form der Aufsicht oder der Kontrolle. Diese Aufsicht bleibt in dem für den Einzelfall vorübergehenden System der Beteiligten. Man kann aber nicht so tun, als habe dies keine Auswirkungen nach außen. Natürlich erfahren die anderen Lehrkräfte und Eltern oder auch Schüler etwas von den Aktivitäten der Schulpsychologin oder des Schulpsychologen, auch wenn sie nicht unmittelbar dabei sind.

Konkret: es kann sich herausstellen, dass ein Kind in der Schule nicht die notwendige Förderung bekommt. Es könnte sein, dass die Eltern bisher nicht angemessen so fördern, dass das Kind seine Aufgabe als Schülerin oder Schüler annimmt. Es mag Handlungsweisen von Lehrkräften und Schülern geben, die das Kind belasten oder ausbremsen. Es mag ein elterliches Erzieherverhalten geben, das für die Entwicklung des Kindes hinderlich ist.

Diese Erwartungen haben die Tendenz, dass die Beteiligten Abwehr aufbauen. Deshalb ist es in der schulpsychologischen Vorgehensweise wichtig, dass schnell klar wird: es geht nicht um Defizitforschung, sondern darum, aus der Analyse des Ist-Zustandes zu hilfreichen konstruktiven Lösungen zu kommen. Dabei werden die positiven Möglichkeiten in Familie und Schüler eruiert und bestärkt. Der Erfolgsdruck lastet dann nicht nur bei den Beteiligten, sondern letztlich bei der Schulpsychologin, dem Schulpsychologen.

Weil der Aufsichtsaspekt der Schulpsychologie einer von außen und nicht von oben ist, stehen Schulpsychologen auch viel stärker unter Image-Druck als Schulräte. „Oben“ wird eher nicht kritisiert. Den Psychologen wird schon eher gern vorgeworfen, „das hat nichts gebracht“, da diese nicht oben, sondern außen stehen, fällt es entsprechend leichter sie zu kritisieren. Und damit müssen Schulpsychologen leben.

Da die Schulpsychologen außerhalb einer Kontrolle durch die Behörde arbeiten, ist das natürlich ein Feld der Gerüchteküche. Ich habe es in meiner Berufstätigkeit leider streckenweise erleben müssen, dass sich in der Schulbehörde negative Urteile über Schulpsychologen verfestigen können, teilweise auf dem Niveau von „Tratsch im Treppenhaus“ a la Ohnsorg.

Um solche Entwicklungen zu vermeiden halte ich es für dringend erforderlich, dass es eine organisatorische und auch problembezogene Verzahnung von Schulaufsicht und Schulpsychologie gibt. Schulpsychologen gehören nicht in ein von der Schulbehörde isoliertes System für Problemschüler wie das jetzt in Bremen und Hamburg der Fall ist, sondern direkt in die Behörde selber. Nur so können die unterschiedlichen (expliziten und impliziten) Kontrollfunktionen richtig genutzt werden.

In einer solchen Konstruktion muss geklärt sein, welche Weisungen ein Schulrat an Schulpsychologen erteilen kann, und welche nicht. Es ist nicht erforderlich, nicht nötig, nicht akzeptabel, wenn die Schulaufsicht Personen zu Schulpsychologen schickt, möglichst noch mit Aktenvermerk und Abfrage, ob das erfolgt ist. Das Schicken jeweils anderer Personen und Funktionsinhabern ist ja schnell mit dem Urteil verbunden: die oder der hat es nötig, die anderen sind o.k.

Stattdessen: Empfehlungen an Personen, sich an den Schulpsychologischen Dienst zu wenden, mit dem klaren Signal, das ist wirklich nur eine Anregung. Oder: es mag auch Beratungsveranstaltungen geben, bei den Schulaufsicht und Schulpsychologie gemeinsam erscheinen. Eine andere Möglichkeit: ein gemeinsames Projekt von Schulaufsicht, Schulpsychologie, meinetwegen schulärztlichem Dienst und weiteren Einrichtungen zu einer bestimmten Fragestellung, zum Beispiel "Brennpunktschule". Dabei wird von Anfang an geklärt, wer was zur Problembearbeitung übernimmt.

Wie soll man das nennen? Schulräte sind gegenüber Schulpsychologen nicht weisungsberechtigt, sondern beteiligen Schulpsychologen. Dabei kann ja herauskommen, dass auch die Behörde hier und da mehr und anderes für die Schule tun sollte.

Mal ein Beispiel: einzelne Schulen werden mit Kindern geradezu überschwemmt, die kein Deutsch sprechen und deren Eltern keinen Weg finden, mit der Schule zusammenzuarbeiten. Da schleicht sich dann bei der Lehrkräften Resignation ein und die bisherige Förderung für Schrei-Lese-Schwache findet nicht mehr statt usw. usw. Das muss die Behörde wissen, auch wenn sie das nicht gerne hört, weil der Schulaufsicht sonst vielleicht vorgeworfen wird, undiszipliniert mit Mittelanforderungen umzugehen.

Oder: eine Lehrkraft ist zu streng und neigt zu Jähzorn, und alle machen die Augen zu und reden um den heißen Brei. Wer macht da was und wie fädelt man das ein?

Die Isolierung der Schulpsychologen gegenüber der Schulaufsicht ist ebenso kontraproduktiv wie die strikte Abgrenzung der Schulaufsicht von der Schulpsychologie. Beide Funktionsträger können im Alltag viel von einander lernen. Wenn sie nicht hierarchisch auf ihre Rolle fixiert sind, können sie auch einfach auf informellem Wege Rat voneinander einholen.