Schul-Beratung

Oktober 1992

Prolog

Besucher der früheren DDR haben immer über die unfreundlichen Verkäuferinnen und Verkäufer berichtet. Die hatten ein einheitliches Warenangebot, vieles fehlte, die Kunden mussten kommen und mit dem vorlieb nehmen, was da war - man warb nicht um die Kunden, denn es spielte für das Verkaufspersonal keine Rolle, ob‘ etwas verkauft wurde oder nicht. Wer in unserem System Kunden werben und behalten will, versucht diese zufriedenzustellen. Und die Kunden wollen nicht nur etwas haben, sie wollen auch beraten werden. Das heißt, das Fachwissen der Verkäuferin oder des Verkäufers und die Übermittlung dieses Fachwissens an Kunden gehört genauso zur Leistung des Geschäfts wie die eigentliche Ware.

Zum Verkauf und Kauf braucht man aber auch kompetente Kunden. Sie können eich zwar in Katalogen und Fachzeitschriften informieren. Wer aber bereit ist, Kontakt zu Verkäufern aufzunehmen, und die richtigen Fragen stellt, wird darüber hinaus Informationen erhalten, welches Produkt ihren Bedürfnissen am besten gerecht wird.

Die moderne Schule

In den sechziger Jahren hatten sich die Bildungspolitiker das Ziel gesetzt, Begabungsreserven in der Bevölkerung ausfindig zu machen, um die Rate an qualifizierten Berufsabschlüssen für eine immer anspruchsvollere Berufswelt zu erhöhen. Konsequenterweise ging es darum, die schichtspezifischen Ausleseeffekte abzumildern, also den bildungsärmeren sozialen Schichten eine "höhere Schulbildung‘ schmackhaft zu machen, um sie zu werben.

Dies wurde auf verschiedene Weise angestrebt:

  • durch eine technologische Modernisierung und Verwissenschaftlichung der Schule;

  • durch die Weiterentwicklung der psychologischen Testdiagnostik, um eben jene Begabungsreserven "auszutesten", ein Weg, der besonders in Baden-Württemberg forciert wurde;

  • durch die Gründung und Entwicklung integrativer Schulsysteme, die ein flexibleres Umgehen mit den kognitiven Entwicklungsverläufen von Kindern und Jugendlichen erlauben sollten, statt der endgültigen Schullaufbahnentscheidung nach dem vierten Schuljahr. Diese Systeme, die Gesamtschulen, sollten außerdem schichtspezifische Bildungsdefizite nachträglich korrigieren, durch die Ganztagsform und die Unterstützung der schulischen Erziehung mittels schuleigener Sozialarbeit und psychologischer Beratungsdienste.

  • durch die Einrichtung der psychologischen Beratungsdienste

  • (Schulpsychologen, Beratungslehrer). Diese sollten und sollen Schülerinnen und Schüler davor bewahren, durch krisenhafte Entwicklungen Bildungsziele zu verfehlen, die ihren Fähigkeiten an und für sich angemessen waren.

Insbesondere die Forschungen des Psychologen und Pädagogen Reinhard TAUSCH, der die Gesprächspsychotherapie in Deutschland einführte und sein besonderes Augenmerk auf das Beziehungsverhalten zwischen Lehrern und Schülern richtete, führten dazu, dass Schule verstärkt als Begegnungsort zwischen Personen gesehen wurde. Hier und da nahm die Erkenntnis zu, dass gute Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern einen entscheidenden positiven Einfluss auf die Qualität des Lernens haben. Umgekehrt, eine moderne Schule konnte es sich nicht leisten, so schien es, Kindern und Jugendlichen das Selbstbewusstsein zu nehmen, Schul- und Prüfungsangst zu produzieren. Besonders auf Schülerselbsttötungen aufgrund schlechter Zeugnisse reagierte die Öffentlichkeit und die Presse besonders sensibel.

Im Vergleich zu "politischen Themen", dem Streit um die integrierte Gesamtschule, die richtige Organisationsform des Unterrichts, beim Kampf der verschiedenen Unterrichtsfächer um einen "Platz an der Sonne", sprich im Stundenplan, blieb die Frage der Gestaltung von

Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern, Lehrern und Eltern, eher ein Randthema.

Die postmoderne Schule

Die moderne Schule hat die Gesellschaft viel Geld gekostet. Heute gehen viel mehr Schüler viel länger zur Schule, entsprechend viele Schulbauten wurden errichtet und ausgestattet, Lehrerinnen und Lehrer eingestellt.

Manche Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die Einführung verwissenschaftlichter Ausdrucksweise in die Schule hat die‚ sprachlichen Anforderungen an die Schüler - auch in den Naturwissenschaften - noch erhöht.

Die Schule hat ihre eigentliche Struktur über das "Modernisieren" herübergerettet. Der Klassenunterricht hat absolutes Primat. Schulverwaltungen, Gewerkschaften und Erziehungsberechtigte "zählen Stunden”. Nichtunterrichtliche Tätigkeiten und die unterrichtsfreie Arbeitszeit sind in ihrer Bedeutung eher noch weiter in den Hintergrund gerückt als früher.

Individualisierende Maßnahmen wie Förderunterricht, Gespräche mit Schülern und deren Eltern sind eher Nebensache ohne eigenen professionellen Anspruch.

Die tatsächliche Elternmitwirkung an der Schule ist bescheiden geblieben. Der Einfluss der Eltern auf die Schulgestaltung ist verschwindend gering.

Den Eltern ist per Gesetz erheblich mehr Einfluss auf Schullaufbahnentscheidungen zugestanden worden. Eltern entscheiden, ob ihr Kind eingeschult wird oder in die Vorklasse kommt, Eltern wählen die weiterführende Schulart nach der sechsten Klasse. Diese Entscheidungsmöglichkeiten sind punktueller Natur, sie entlasten die Schule (die Lehrer) von der Verantwortung für Fehlprognosen. Nun haben wir nach Klasse 6 keine ‘Aufnahmeprüfung und keine Lehrerentscheidung mehr, aber ein Probejahr in Klasse 7. De facto bleibt die Entscheidung bei der Schule, im Einzelfall erhöht eich das Leiden (nun durch die Eltern) fehlplacierter Schüler erheblich.

Die Einschulungs-Entscheidung durch die Eltern hat in den meisten Fällen zu einer entspannteren Situation geführt. Meine Erfahrung ist, dass Eltern jetzt die Chance der Vorklasse für ihre Kinder leichter ergreifen können und dies auch tun. Wo Eltern den fachlich fundierten Rat der Lehrerinnen und Vorklassenleiterinnen nicht annehmen. geht die "heiße Kartoffel" von der Familie an die Schule über. Kinder, die das Schulangebot noch nicht angemessen verarbeiten können, leiden und lassen die anderen, Lehrerinnen, Mitschüler, schließlich auch die Familien, mitleiden.

Diese Betrachtung soll keine Abrechnung mit der Vergangenheit sein. Hinterher ist man immer schlauer. Eins hat sich meines Erachtens deutlich gezeigt: die technische und lernplanerische Modernisierung der Schule. gute Unterrichtsbedingungen, schulrechtliche Veränderungen allein genügen nicht.

Störungen

Es gibt niemanden innerhalb einer Schule, der speziell für “Störungen” da ist, Störungen des Lernens. Die Schulleitungsmitglieder sind für die Schulorganisation zuständig, für den reibungslosen Ablauf in "ihrem" Schul-System. Die Lehrerinnen und Lehrer sind für das Fortschreiten des Lernprozesses der ganzen Lerngruppe verantwortlich. In ihren Funktionen sind Schulleitung und Lehrer-in auch an der Beseitigung individueller Störungen interessiert.

Da Störungen die Pädagogen in der Wahrnehmung ihrer eigentlichen Aufgabe behindern, wird die Bearbeitung solcher Störungen als zusätzliche und eigentlich unnötige Belastung erlebt (obwohl sie immer wieder auftreten und zum Schul-Leben gehören). Diese aus den Rollen heraus verständliche Haltung verhindert die innere Annahme und eine gründliche und professionelle Beschäftigung mit Störungen. Damit wird das Weiterbestehen der Störung und das Leiden des Kindes, das eine Lernstörung hat oder von dem eine soziale Störung ausgeht, begünstigt - und die anderen Beteiligten, die die Störung abwehren, werden weiter damit beschäftigt.

Entsprechend randständig und unentwickelt sind anerkannte Mechanismen zur Beseitigung von Störungen in der Schule. Unter Pädagogen sind naive psychologische Erklärungsmodelle und ein eher schematisches Reagieren auf Störungen an der Tagesordnung. Der Förderunterricht findet entweder gar nicht erst statt oder gilt als Reserve für Unterrichtsausfall. Er ist oft ein “Mehr vom Gleichen", also eine Imitation des Unterrichts, nur in der kleineren Gruppe.

Für den präventiven und therapeutischen Umgang mit Lern- und sozialen Störungen gibt es keine zusätzliche schulinterne professionelle Unterstützung. Die Beteiligten müssen sich "nach außen" wenden, an die psychologischen Beratungsdienste.

Störungen gehören zum menschlichen Alltag. Eine Störung zeigt, dass ein Ist- mit einem Sollwert nicht übereinstimmt. Ein Kind lernt das Lesen nicht so, dass es dem fortschreitenden Unterricht folgen kann. Ein Kind bleibt nicht so lange bei seiner Aufgabe wie dies erforderlich wäre und beginnt, die anderen zu stören. zwei (meistens) Jungen sind so mit ihren Konflikten beschäftigt, dass sie den Unterricht stören und sich nicht mehr ‚adäquat beteiligen können. Eine Jugendliche hat große häusliche Probleme und kann an nichts. anderes mehr denken, also sich auch nicht mehr auf den Unterricht "konzentrieren". Stimmen lst- und Sollwert wieder überein, kann das Kind mitarbeiten. Ruth COHN hat als Regel für eine gute Lerngruppe formuliert: “Störungen haben Vorrang".

Störungsdiagnostik

Störungen. die das Kind an der angemessenen Mitarbeit hindern, haben eine individuelle Geschichte. Störungen sind einzigartig. Um ihnen angemessen begegnen zu können, ist es daher erforderlich. die Störung, ihre Funktionsweise und die Faktoren, die sie aufrechterhalten, kennenzulernen. Bin "8törungsdiagraostiker" muss sich den Kopf freihalten von platten Ursache-Wirkungs-Annahmen und Schuldzuschreibungen. ("Das Kind ist unter Druck, weil die Eltern es unter Druck setzen ") Wenn dies gelingt. bringt sie oder er das entsprechende Suchverhalten auf.

Da jede Person, die sich mit der Störung befasst, nur einen Ausschnitt des Geschehens direkt erleben kann, geht es bei der Störungsdiagnostik darum, Beobachtungen, Bewertungen und Verursachungstheorien der Beteiligten (einschließlich des Kindes!) zu erforschen.

Dazu ist eine besondere Beobachtungs- und Gespräche-Schulung erforderlich. Störungsdiagnostiker unter anderem eine sensible Wahrnehmung für Gedanken, Gefühle, wie sie über Sprache, Mimik und Körperhaltung ausgedrückt wird, um erkennen zu können: wie nehmen die Beteiligten das Problem wahr? Er braucht die Fähigkeit, den Beteiligten diese Wahrnehmungen plastisch und genau zu beschreiben.

“Störungsdiagnostiker” entwickeln aus dem Erfahrenen mit einer gehörigen Portion Phantasie ein Funktionsmodell der Störung. Sie gehen dabei davon aus, dass eine Störung der Symptomträgerin oder dem Symptomträger Vorteile bringt:

Das Kind, das den Unterricht stört, lenkt von seinen Versagensängsten ab? Das intelligente Kind, das im Lesen versagt, vermutet, dass es seine Eltern bildungsmäßig nicht überholen darf? Oder dass es mit seinen schlechten Leistungen Zuwendung durch die Mutter bekommt? Oder durch die Lehrerin?

Ein Kind, das nicht in die Schule geht, sorgt dafür, dass Mutter nicht einsam ist?

Ein Junge, der den Unterricht stört, rächt sich an der Lehrerin dafür, dass sie seine hohe Rangstellung in der Klasse nicht anerkennt? Oder hat er gelernt, dass man auf Frauen nicht hört, sondern nur auf Männer? ‚

Das Mädchen beantwortet die Hilfe der Lehrerin mit "versteh ' ich nicht", weil es mit sich selbst bisher die Erfahrung gemacht hat, dass es am besten lernt, wenn es allein etwas herauszubekommen sucht. Es fällt ihr aber schwer, einer anderen Person gedanklich zu folgen, und vielleicht versetzt sie die Nähe einer helfenden erwachsenen Person in nervöse Anspannung.

Beratung

Beratung heißt, den Ratsuchenden oder Betroffenen ein Bild der Störung zu entwickeln, das die Störung plausibel macht, und in dem alle Beteiligten gut wegkommen. Das ist natürlich eine Idealvorstellung. Tatsache aber ist, dass Beratungsgespräche im Alltag oft genug so aussehen, dass eine schuldige oder nicht angemessen funktionierende Person "ausgeguckt" wird, die sich ändern soll. Weil diese Person anschließend schlechte Gefühle hat (Arger, Schuldgefühle, Herabsetzung des Selbstwertgefiihls), bleibt die Anderung meistens aus.

Wenn ich denke, das Kind hat seine Sachen nie dabei, weil Mutter schlampig ist, wird Mutter diese Ansicht im Gespräch registrieren, und statt besser auf die Sachen des Kindes zu achten, die Schulsachen vermeiden.

Stellt die Beraterin oder der Berater den augenblicklichen Zustand dagegen mit seinen Vorteilen und Nachteilen dar und zeigt, dass sie oder er die Betroffenen versteht und akzeptiert, haben diese den Kopf frei, Entscheidungen zu fällen, ob und wie sie ihr Verhalten ändern wollen.

Auch wenn die Berater Vorschläge machen, nennen sie nicht nur die vermuteten Vor-, senden auch die möglichen Nachteile. Das schwächt die Tendenz, die Beratung leicht erzeugt, nämlich beim Gegenüber Widerstände aufzubauen.

Beratung heißt auch, informieren, zum Beispiel über andere Beratungsdienste und. Hilfen, über echulrechtliche Bestimmungen. Berater bearbeiten die ihnen angetragenen Probleme nicht grundsätzlich allein, sondern kennen sich aus, wer den Betroffenen weiterhelfen kann. Auch das gehört zu einem professionellen Berater: spüren, wann geht es um das Geben von Informationen, wann möchte sich jemand aussprechen? Oft beginnen Gespräche mit einer Informationsfrage, weil es sich darüber leichter reden läßt, aber eigentlich beschäftigt die oder den Ratsuchenden ein Beziehungsproblem.

Aus-, Fort- oder‘ Weiterbildung

Soll Beratung in der Schule professionellem Anspruch genügen, benötigen Lehrerinnen und Lehrer eine Erweiterung ihrer Ausbildung:

  • Ein Training in der psychologischen Analyse der Funktionsweise schulischer Störungen;

  • ein psychologisches Gesprächstraining einschließlich des Trainings der Beratung von "Kleinsystemen", also unter anderem von Lehrern und Eltern. Lehrern und Schülern;

  • eine Ausbildung in pädagogisch-psychologischer Erlebnis- und Verhaltensmodifikation, bezogen auf Unterricht und Förderunterricht;

  • Wissen über Hilfsangebote und Kenntnisse, die für die Schullaufbahnberatung wichtig sind.

Wesentliche Haltungen

Voraussetzung für eine Beratung mit professionellem Anspruch ist, dass die Beraterin oder der Berater bereit und in der Lage ist, eine personenzentrierte Haltung einzunehmen. _

TAUSCH (1991 l nennt die drei für Beratung und Erziehung notwendigen Haltungen, nach Carl ROGERS:

  • Achtung-Wärme-Rücksichtnahme: die grundsätzliche, nicht an Bedingungen gebundene Achtung vor den menschlichen Möglichkeiten des Anderen, seinen Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen (Seite 130) f.)

  • Einfühlendes Verstehen: "Eine Person sucht die innere Erlebniswelt des anderen samt seinem Fühlen und persönlichen Bedeutungen, die dieser im jeweiligen Moment erlebt oder die hinter seinen Äußerungen stehen, zu spüren, wahrzunehmen und sich vorzustellen. Und zwar von der "Innenseite" des anderen her, so wie dieser seine innere Welt erlebt." (Seite 179). MATURANA und VARELA (1990) nennen dies "Strukturkopplung".

  • Echtheit-Aufrichtigkeit: das, was die beratende Person äußert und tut, stimmt mit ihrem Fühlen und Denken überein. Die Person ist offen für ihr eigenes Erleben, sie ‘horcht in sich hinein‘ , achtet auf ihr eigenes Fühlen und die gefühlten Bedeutungen. Ihre sprachlichen, mimischen und gestischen Äußerungen sowie ihre Handlungen sind "wie aus einem Guss" (Seite 221 f.).

Ob eine Person diese Haltungen in Gesprächen und im pädagogischen Handeln zeigt, hängt auch von ihrer persönlichen Vorgeschichte ab. Sie können in einem Beratungs- und Therapie-Training verstärkt werden, wenn die Person sie grundsätzlich akzeptiert und bereits in Ansätzen gezeigt hat.

Unabhängigkeit, Distanz

Die Professionalität und die drei notwendigen Haltungen lassen sich umso leichter verwirklichen, je unabhängiger die Beraterin oder der Berater von der ratsuchenden Person ist.

Unabhängigkeitsfördernd ist für die Beraterin oder der Berater, wenn die ratsuchende und die beratende Person außerhalb der Beratung keinen weiteren Kontakt haben. und wenn auch über ihre Berufsrollen keine indirekten Beziehungen bestehen (Hierarchie, Entlohnung).

Eine gewisse Unabhängigkeit kann man zwischen Psychotherapeuten und Patienten. Schulpsychologen und Ratsuchenden vermuten. Lehrer und Schüler, Lehrer und Eltern sind stärker voneinander abhängig, besonders aber Eltern und Kinder.

Lehrer müssen Schüler bewerten und Anforderungen an sie stellen. Es ist kaum denkbar, dass sie in Gesprächen völlig auf "Unabhängigkeit" umschalten können. und dass Schüler oder Eltern ihnen das abnehmen. Dies gilt besonders bei "Störungen" zwischen Schülern und Lehrern oder Eltern und Lehrern.

Trotzdem werden Lehrer auch in ihrem Alltag bessere Gesprächspartner ihrer Schüler und Eltern bzw. ihrer Kollegen sein, wenn sie beratungsgeschult sind, die drei Grundhaltungen - als Ideal - akzeptieren, und wenn ihnen die institutionsbedingten Abhängigkeiten gegenwärtig sind.

Unabhängigkeit im Verhalten, Denken und Fühlen ist - in Grenzen - auch bei 'Interaktionsdruck' durch die Rolle möglich. (Umgekehrt: Berater. die ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung haben, werden ihren zunächst unabhängigen Status bald eingebüßt haben).

Gegenläufig zur von Ratsuchenden wahrgenommenen Unabhängigkeit kann die Schwellenangst beziehungsweise die Fremdheitserwartung wirken. Zumindest anfänglich vertrauen sich Schüler oder gar Eltern lieber der als wertschätzend. verständnisvoll und offen erlebten Klassenlehrerin an als fremden Psychologen.

Oder: Lehrer wenden sich lieber an Beratungslehrer der eigenen Schule (zum Beispiel in Niedersachsen. Hamburg, Schleswig-Holstein, Berlin), die sie täglich in angenehmer Weise erleben und von denen sie wissen: im Prinzip hat sie oder er dieselben Alltagsbelastungen. Schulpsychologen sind dagegen weit weg und üben den Lehrerberuf nicht aus.

Rahmenbedingungen

Vorbedingung für ein Beratungsgespräch ist ein angemessener Raum und vor allen Dingen Zeit. Gespräche. für die keine Zeit ist. die mitgehört und Jederzeit gestört werden können, wie zum Beispiel in Unterrichtspausen., im Lehrerzimmer oder im Klassenraum. oder weil der Berater dem Telefon den Vorrang einräumt, sind von vornherein belastet. Gesprächsangebote im Flur oder an der Klassenzimmertür vermitteln der Gesprächspartnerin oder dem -partner den Eindruck: "nicht wichtig".

Wenn Lehrerinnen und Lehrer das Erleben und die Sichtweise von Schülern kennenlernen und mit ihnen partnerschaftlich. "niederlagelos" (GORDON. 1977) Konflikte bearbeiten wollen, wenn sie die Eltern verstehen lernen wollen. dann müssen sie dafür Zeit aufbringen und einen Rahmen bereit halten. der zum Sprechen einlädt. Dies gehört genauso zur Schule wie •die Unterrichtsstunden. Nicht wenige Lehrer sehen das nicht mehr so, stöhnen aber über die kommunikativen Schwierigkeiten, die sie erleben und die ihnen das Leben schwermachen.

Lehrer, die besondere Beratungsfunktionen einnehmen, benötigen dafür eine gesonderte Arbeitszeit und einen Arbeitsplatz Mit 0 Stunden und nirgendwo kann ich nicht beraten. Der Arbeitsplatz der Beraterin oder des Beraters ist ein Raum mit einer Sitzecke, der_ eine vertrauenswürdige Atmosphäre ausstrahlt und den während der Beratung keine unbeteiligte Person betritt.

Jede Schule sollte einen solchen Besprechungsraum für Beratungsgespräche zur Verfügung haben.

Zu einer Beratung gehört ein verabredeter Termin und die Möglichkeit, 45 Minuten ungestört miteinander zu sprechen sowie das Angebot, das Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fortzusetzen.

Die Beratungsfunktion

B = f (H, A, RU, Z, R)

Beratung ist eine Funktion der Haltung, Ausbildung, rollenbedingten Unabhängigkeit, zur Verfügung stehender Zeit und förderlicher räumlicher Bedingungen.

Modelle professioneller Schulberatung

In diesem Abschnitt will ich versuchen, einige - bestehende und mögliche - Varianten der Professionalisierung von Störungsdiagnostik und Beratung zu behandeln.

Vorschlag: Basisausbildung "Personenzentrierte Gesprächsführung und Training des Lern- und Sozialverhaltens".

Alle angehenden Lehrerinnen und Lehrer besuchen während des Studiums Kurse mit den Inhalten Gesprächsführung, Grundprinzipien des Trainings von Lern- und Sozialverhalten und einen Selbsterfahrungskurs.

Supervision während des Referendariats.

Referendare nehmen an einer regelmäßigen Gruppen-Supervisionsveranstaltung zur Aufarbeitung ihrer Interaktionen mit Schülergruppen, einzelnen Schülern und Eltern teil. Dabei wird inhaltlich auf die psychologischen Kurse während des Studiums zurückgegriffen.

Supervision ist "gegenseitige Aufsicht", also Übung in "Selbst-Öffnung" und gegenseitiger professioneller Beratung. Es ist günstig, Supervision unter Anleitung von Diplom-Psychologen mit Gruppenerfahrung oder ausgebildeten Supervisoren auszuüben.

Supervision für Referendare wird bereits als Wahlpflichtveranstaltung angeboten.

Berufsbegleitende Supervisionsgruppen.

Jede Lehrerin und jeder Lehrer nimmt regelmäßig an einer Supervisionsgruppe teil. Nach Möglichkeit sollte es sich um eine schulinterne Gruppe handeln, um die Zusammenarbeit unter den Lehrern zu stärken. Schulinterne Gruppen bieten sich besonders für ohnehin bestehende Teams an.

Aber auch schulübergreifende Gruppen sollten gewählt werden können. In solchen Gruppen können unterschiedliche Erfahrungen in den verschiedenen Schulen mit dem Umgang zwischen Lehrern und Schülern oder Lehrern und Eltern gemacht werden. Manche(r) fühlt sich unter Fremden auch freier. seine Probleme darzustellen und kann leichter Rat annehmen.

Da Hierarchieprobleme eine beträchtliche Rolle in der Schule. spielen, besteht in schulübergreifenden Gruppen die Möglichkeit der Begegnung von "einfachen" Lehrern und "Funktionsträgern", die sonst miteinander nichts zu tun haben. Dadurch kann das gegenseitige Verständnis (und damit die Toleranzschwellen) erhöht werden.

Schließlich werden manche Kolleginnen oder Kollegen die Einzelsupervision, zum Beispiel bei einer Schulpsychologin oder einem Schulpsychologen. vorziehen. Eine solche Supervision könnte man auch als "berufsbegleitende Therapie" bezeichnen.

Angebote für die genannten Supervisionsformen bestehen bereits.

Vorschlag: Beratungslehrer-Studium.

In verschiedenen Bundesländern (vgl. GREWE und andere 1990) gibt es Beratungslehrer-Ausbildungen. Sie dauern zwei Jahre. bestehen aus mehreren Kompaktseminaren und regelmäßigen Supervisionsveranstaltungen mit Schulpsychologen.

Eine Ausbildung in diesem Umfang könnte im Lehrer-Studium angeboten werden. Lehrer könnten diese anstelle eines Unterrichtsfaches wählen.

Das setzt voraus, dass die Funktion der Beratungslehrerin oder des Beratungslehrers im Stundenplan einer Schule vorgesehen ist. Die "studierte" Beratungslehrerin oder der -lehrer hat an ihrer oder seiner Schule für Gespräche mit Eltern und Schülern und Beratungen von Kollegen, wie bei einem Unterrichtsfach, Stunden zu Verfügung.

Ein Argument gegen den "studierten Beratungslehrer" ist, dass eine Junglehrerin oder ein Junglehrer möglicherweise kein Partner für "gestandene" Kollegen ist. Diesem Gedankengang liegt die Annahme zugrunde, dass nur ein Perfekter einen weniger Perfekten beraten kann - das heißt, Beratung als eine Form von Unterricht, Aufsicht, Fortbildung im fachlichen Sinne.

Beratung, wie sie hier verstanden wird, ist dagegen horizontal, es ist die Hilfe des externen Beobachters, der versucht, die psychosoziale Situation des oder der. Ratsuchenden zu erfassen und durch Kommentierung, Mitteilung des in ihm, dem Beobachter. Ausgelösten gewissermaßen eine Sichtweise "von außen" anzubieten.

Einfacher ausgedrückt: Ratsuchende, die eine psychologische Beratung brauchen. sind nicht unterlegen, weil ihnen Wissen oder Fertigkeiten fehlen, sondern weil sie "in dem Problem" sind. Der Vorsprung von Beratern besteht darin, dass sie sich als nicht Betei1igte die Angelegenheit gewissermaßen "von außen" betrachten können.

Das heißt: Berater sind hilfreich. wenn sie unbefangen sind. Der 'Marsianer' Eric BERNES, Hans Christian ANDERSENS kleines Kind, das ausruft: "Aber er hat ja nichts an!" (Des Kaisers neue Kleider) sind Modelle für Berater.

(Übrigens: ANDERSENS kleines Kind konnte seine Beobachtung so unschuldig-wertschätzend vermitteln, dass der Kaiser nicht aufgab, sondern sagte; "Nun muss ich die Prozession aushalten").

Das Studienfach "Beratungslehrer" hat aber einen ganz praktischen Nachteil: da keine oder nur wenige Neueinstellungen vorgenommen werden, gelangt dieser Typus des Beraters nicht in absehbarer Zeit in die Schulen.

Vorschlag: Beratungslehrer-Fort- oder -Weiterbildung.

Wenn Ernst gemacht werden soll mit einer möglichst baldigen Professionalisierung der Beratung in der Schule. sollte auf die bereits erprobten Fort- und Weiterbildungskonzepte für Beratungslehrer in anderen Bundesländern zurückgegriffen werden.

Es wird leicht sein, Lehrerinnen und Lehrer zu finden, die sich einer solchen Zusatzqualifikation unterziehen werden. Gerade Lehrer, die sich große Mühe geben, intensiven zwischenmenschlichen Kontakt mit Schülern und Eltern zu pflegen, möchten sich hier vervollkommnen und hätten auch Freude daran, eine besondere Beratungsaufgabe an ihrer Schule zu übernehmen, wie sie als "Störungsdiagnostik" und "Beratung" bereits skizziert wurde.

Der Einsatz solcher Beratungslehrer sollte, wie in anderen Bundesländern auch. im Stundenplan als besondere Aufgabe wie Unterricht ausgewiesen sein.

"Von außen" ist nicht gleichbedeutend mit 'objektiv". Jeder Beobachter sieht eine unterschiedliche Perspektive.

Vorschlag: Beratungs-Trainings für Lehrerinnen und Lehrer in besonderen Funktionen.

Lehrerinnen und Lehrer in besonderen Funktionen haben Interaktionsprobleme, die besondere Fortbildungsveranstaltungen rechtfertigen.

Schulleitungsmitglieder müssen zum Beispiel Konferenzen planen und leiten und Konfliktgespräche führen. Sie sollen in ihrer Schule Lösungen partnerschaftlich herbeiführen, was auch heißt, dass nicht alle Wünsche von Lehrern und Schülern in Erfüllung gehen können und so manche Meinung und Forderung letztlich unberücksichtigt bleiben muss.

Sonderpädagogen kommen zunehmend in Situationen, in denen sie "Regel-Pädagogen" beraten. Außerdem gibt es Gespräche, zum Beispiel mit Eltern, bei denen es um belastende und existentiell berührende Inhalte gehen kann, wenn zum Beispiel deutlich wird, dass ein Kind dem schulischen Regelangebot nicht folgen kann. Eine anspruchsvolle Lernstörungs-Diagnostik setzt überdies voraus, dass die Sonderpädagogin oder der Sonderpädagoge den psychologischen "Sinn" oder "Nutzeffekt" eines Schulversagens versteht, zum Beispiel im Rahmen einer Familie.

Lehrerinnen und Lehrer mit berufsorientierenden Aufgaben merken sehr schnell, dass die Information über Ausbildungsgänge und Berufe für Schüler eine notwendige. aber keinesfalls hinreichende Voraussetzung der Schülerberatung ist.

Die Schülerinnen und Schüler müssen mit der Ausbildungs- und Berufswahl ganz persönliche Entscheidungen fällen, zwischen Träumen und Erreichbarem unterscheiden. Sie müssen Langzeit-Entscheidungen treffen, was in diesem Alter besonders schwierig ist, sie müssen ihre Vorlieben und Interessen mit den ihnen angebotenen Schullaufbahn- und Berufsinformationen verbinden.

Vertrauenslehrerinnen und -lehrer werden besonders damit beansprucht, eine Balance zwischen Identifikation und Distanz zu halten, wenn Schülerinnen oder Schüler sich wegen Problemen mit ihren Lehrern an sie wenden und wenn sie Schüler-Anliegen bei Kolleginnen und Kollegen vertreten.

Und Personalratsvertreter innen und -vertreter?

Schulpsychologen

Selbst bei einem für eine deutsche Großstadt wie Bremen angemessen ausgebauten schulpsychologischen Dienst kommt Beratung mit professionellem Anspruch nur Lehrern. Schülern und Eltern zugute, wenn Beteiligte sich entschließen, diese Dienste anzusprechen, und das geschieht im allgemeinen nur, wenn die Betroffenen "mit ihrem Latein am Ende sind".

Die Schulpsychologen erzielen eine gewisse Breitenwirkung durch Schulbesuche und Lehrerfortbildungsveranstaltungen. Dadurch bleiben erst einmal die Psychologen mit der Schulwirklichkeit in Kontakt. Psychologische Professionalität kann so aber nur im "Gießkannenprinzip" an die Lehrer weitergegeben werden.

Die Rolle von wissenden, aber selten gehörten und einbezogenen Weisen (oder Waisen?) ist für Schulpsychologen nicht dauerhaft befriedigend. Für die Lehrerinnen und Lehrer ist es, parallel dazu, unangenehm, auf die Frage nach entwicklungspsychologischer und erzieherischer Kompetenz antworten zu müssen: "Darin wurden wir nicht ausgebildet."

Wir brauchen also

  • psychologisch qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer,

  • eine besondere psychologische Qualifikation vor Ort, in den Schulen. die Beratungslehrer.

Die Schulpsychologen stehen in der Einzelfallhilfe für Probleme zur Verfügung. die eine uneingeschränkte psychodiagnostische und therapeutische Kompetenz erfordern,

für die berufsbegleitende Beratung der Lehrer (Supervision), für die Ausbildung und Begleitung von Beratungslehrern,

für die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer in besonderen Funktionen und die allgemeine psychologische Lehrerfortbildung.

Uwe Wiest

Schulpsychologischer Dienst

Bremen

Literatur

Hans Christian ANDERSEN Des Kaisers neue Kleider. in: Andersen Märchen Harenberg, Dortmund 1984

Eric BERNE Was sagen Sie, nachdem Sie 'Guten Tag' gesagt haben? Fischer.. Frankfurt a.M. 1983

Thomas GORDON Lehrer-Schüler-Konferenz. Hoffmann und Campe, Hamburg 1977

Norbert GREWE (Hrsg.) Beratungslehrer - eine neue Rolle im System. Luchterhand. Neuwied 1990

Hurnberto R. MATURANA, Francisco J. VARELA Der Baum der Erkenntnis. Goldmann, Hamburg 1990

Reinhard TAUSCH, Anne-Marie TAUSCH Erziehungspsychologie. Hogrefe., Göttingen 1991

Uwe WIEST Störungen am Schulanfang. Oder: Wohin mit der heißen Kartoffel? Manuskript, Bremen 1992