Natürliche Erklärungen:
Selig sind, die erst sehen und dann glauben

Die Umkehrung von Johannes 20 Vers 26: „Selig sind die nicht sehen und doch glauben.“ Dieses Bibelwort bringt den Gläubigen in den Verruf, freiwillig beschränkt zu sein. Stellen wir uns doch mal so einen Spruch im Alltag vor. „Ich habe dir für deinen Gebrauchtwagen 10000 Euro überwiesen. Aber nicht deine Kontoauszüge ansehen. Einfach glauben.“ So naiv ist natürlich keiner. Aber wie ist es hiermit:

Gott wird deine Gebete erhören. Du musst nur beharrlich weiterbeten. Dann wird Gott dich irgendwann erhören. Diese Ausssage finden wir hier bei moslemischen Autoren. „Wenn man beim Gebet für eine bestimmte Sache nicht ausdauernd ist, so ist die Wahrscheinlichkeit der Erhörung sehr gering.“ Ähnliche Empfehlungen kann man sicher auch in christlichen Quellen finden. Mönche und Heilige beten rund um die Uhr.

Was kann man dazu aus lerntheoretischer Sicht sagen?

Burrhus Frederic Skinner, 20.3.1904-18.8.1990 , Prominentester Vertreter des radikalen Behaviorismus, Professor an der Harvard; Vater der Verhaltenspsychologie, der Methode der Verhaltensverstärkung, hat vor allem mit Tieren, mit Tauben und Ratten gearbeitet, um zu fundamentalen Lerngesetzen zu gelangen, und die dann auf das menschliche Verhalten zu generalisieren. Er fand heraus, dass Tauben abergläubisches Verhalten lernen:

Skinners Versuch:

Acht Tauben bekommen alle 15 Sekunden Futter, unabhängig von ihrem Verhalten. Beobachtung: Sechs Tiere entwickeln ganz bestimmte Verhaltensweisen, die sie zwischen den Futtergaben regelmäßig wiederholen .

Ergebnis: Das Verhalten, das sich zufällig vor dem Auftreten des Verstärkers vollzog, wurde verstärkt.

Skinner fand Analogien im menschlichen Verhalten: Kegler, Glücksspieler, Rituale... „Trotz vieler unverstärkter Fälle, genügen einige zufällige Zusammenhänge zwischen rituellen und vorteilhaften Konsequenzen, um das Verhalten zu aktivieren und beizubehalten.“ Zitiert nach Michael Niedeggen.

Skinner entdeckte, dass es nicht erforderlich ist, ein Verhalten regelmäßig zu belohnen. Das Lebewesen lernt am besten bei variabler Zeit- oder Quotenverstärkung, also wenn es unregelmäßig belohnt wird. Diese Gesetzmäßigkeit kommt auch beim abergläubischen Verhalten zum Tragen: das Futter fällt ins Napf, als die Taube gerade auf einem Bein steht. Sie steht jetzt öfter auf einem Bein, und da alle 15 Sekunden Futter ins Napf fällt, wird das Auf-einem-Bein-Stehen immer häufiger belohnt. (Unzulässig) menschelnd könnte man sagen: die Taube glaubt, dass sie mit ihrem Auf-einem-Bein-Stehen die Futterausgabe beeinflusst.

Beim Kegeln kennen wir das: man hat die Schulter so und so bewegt, da wurden es alle Neune. Also macht man das mit der Schulter so weiter, und natürlich wird man dann auch mal wieder alle Neune haben.

So. Jemand betet, nach Vorschrift, oft, immer wieder. Während die gläubige Person betet, trifft das Ereignis irgendwann ein, das sowieso eingetreten wäre. Sie betet erneut um eine Sache, ausdauernd, immer wieder, und wieder tritt das Ereignis ein, irgendwann. So entsteht ein Verlauf von regelmäßigem Beten und unregelmäßiger „Erhörung“. Die kann ruhig selten sein, umso mehr stabilisiert sich das Gebets-Verhalten.

Könnte Skinners Taube denken und sprechen, würde sie sagen: "Ich habe erkannt: Gott will, dass ich beim Beten auf einem Bein stehe."

Wäre sie eine sehr charismatische Taube, so würden ein paar hundert Jahre später Millionen von Tauben beim Gebet auf einem Bein stehen.

Wenn man dann die Erhörung auch noch möglichst unkonkret, weit, formuliert, steigt die subjektive Gewissheit, erhört worden zu sein, noch an. Oder wenn die gläubige Person Gott einräumt, dass etwas anderes eingetreten ist, was man als Gottes besondere Klugheit oder Gnade auslegen könnte. So etwas kann die Taube nicht. Das zeichnet den denkenden Menschen aus.

Insofern ist die Empfehlung, möglichst ausdauernd um eine bestimmte Sache zu beten, lebensklug, aber: ….

Wenn der Gläubige einigermaßen sicher sein will, dass es Gott ist, der sein Gebet erhört hat, und er nicht auf eine abergläubische Konditionierung hereingefallen ist, müsste er selten, möglichst nur einmal, um die Sache beten. Sonst kann man ihm „von außen“ immer entgegenhalten, dass das, was im Zusammenhang mit Gebeten geschehen ist, sowieso geschehen wäre.

Ich weiß, solche desillusionierenden Erklärungen machen keine Freude. Wie bei Zauberern, die ihre Tricks verraten. Weiter beten.





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