Religion

Einleitung

Harmlose Genüsse werden zu Gift, wenn sie in Überdosis eingenommen werden. Gifte können Heilwirkung haben, wenn sie stark verdünnt konsumiert werden.

So ist es auch mit der Religion:

Religion gehört zum menschlichen Dasein. Religionen hat es seit Beginn menschlicher Zivilisation gegeben.

Religiöse Themen inspirieren zu Kunst, Architektur und Musik. Wie sagte jemand? „Ohne die katholische Kirche hätten wir in Köln statt des Doms vielleicht ein Einwohnermeldeamt.“ Und das wäre wahrscheinlich längst abgerissen worden. Selbst kirchenfern eingestellte Menschen strömen in die Kathedralen, Tempel und Moscheen, um diese gewaltigen ausgeschmückten Bauwerke zu besichtigen. Sie hören begeistert Requiems, Messen, Oratorien.

Religion fördert die kollektive und individuelle Phantasie. Da wird ein Himmel, da werden Geistwesen konstruiert und dargestellt. Da werden Geschichten geschrieben. Da wird aus der Geschichte des Universums ein Heldendrama. Kampf zwischen Gut und Böse, Mord und Totschlag, aber mit gutem Ausgang. Sozusagen transzendentale Krimis.

Religion kann der Seele guttun. Sie kann trösten, Unsinniges erklären, Leid erträglich machen.

Religion bietet mächtige Anlässe zum gemeinsamen Feiern. Weihnachten, Marienkult, Prozessionen, Taufen, Hochzeiten, Bestattungen.

Aber: in Überdosis:

Religion mit Absolutheitsanspruch: da wird Religion zur Denkblockade, zur Unfähigkeit aus Erfahrungen zu lernen, zum aggressiven Freund-Feind-Denken, zur Legitimation von Verbrechen gegen die, die nicht dazu gehören willen: die so genannten Ungläubigen. Religiöses Eifern führt zu konkretem Mord und Totschlag, vergiftet die Beziehungen zwischen Menschen, Gruppen und Völkern.

Orthodoxes Eifern richtet sich sogar gegen die Religion selber, indem Menschen, die Varianten derselben Religion angehören, sich gegenseitig verfolgen, ihre Gotteshäuser zerstören, Krieg führen. Solche Verbrechen werden dann durch bestimmte leicht auffindbare Zitate in heiligen Büchern mit dem Willen Gottes legitimiert.

In der aggressiv-asketischen Variante wird Kunst und Musik als Teufelswerk verunglimpft, als satanische Ablenkung von der Hinwendung zu Gott. Das Leben als Jammertal, in dem man sich das wunderbare ewige Paradies erst verdienen muss: durch Leiden und Verzicht.

Der gut dosierte Umgang mit der Religion

besteht darin, sie locker zu sehen: als Tradition, als etwas, das in bestimmten Situationen lehrreiche Anregungen geben kann, man denke nur an die Gleichnisse in den Evangelien. Der religiöse Mensch ist in der Lage, Religion als Modell zu sehen, Glaube wirklich als Glaube und nicht als Wissen. Das schließt ein, dass der Gläubige die Botschaften anderer Religionen achtet, auch wenn er sie für sich nicht in Anspruch nimmt, und dass er infolgedessen auch die Integrität von Menschen achtet, die sich zu einer anderen Religion bekennen. Er überzeugt andere nicht, missioniert nicht, er lebt vor, dass er mit seiner Religion im Reinen ist, aus ihr Kraft schöpft und ein guter, angenehmer Mensch sein möchte.

Das ist nicht so ganz einfach.

Wenn man nämlich zu tief in die Bibel und den Koran eintaucht und die heiligen Bücher für bare Münze nimmt, ist der Hass auf die, die eine bestimmte Religion für sich nicht akzeptieren, vorprogrammiert. Nämlich:

Was lehren die christlichen Religionsgemeinschaften? Der Tod sei Folge der Sünde, des Ungehorsams gegen die Gottheit. Sie versprechen den Gläubigen das ewige Leben. Sie verkünden die Rache des Herrn an den Ungläubigen, spätestens bei der letzten großen Abrechnung, dem Jüngsten Gericht. Sie lassen reden und schreiben und singen vom Lamm Gottes, das geschlachtet werden musste, um den Frevel des Sündenfalls wieder gut zu machen. Auch der Islam verspricht das ewige Leben für die Gläubigen und ewige Höllenqualen für die Ungläubigen.

Hass ist hässlich, wird damit aber zu einem göttlichen legitimen Gefühl umfunktioniert.

Dabei ist der Tod ist ein natürlicher Vorgang, wie die Geburt. Der Mensch ist ein Vielzeller, und wie alle Vielzeller hat er als Individuum eine begrenzte Lebensdauer. Was für jeden von uns davor war und was danach kommt, wir wissen es nicht. Selbst das Nichts ist ja nur eine Metapher.

Religion kann nur als offenes Ringen um das Erkennen Gottes und des Daseins überleben. Sonst geht es der heutigen Religion so wie Baal, Zeus, Wotan, Jupiter. 20.12.2015.

Seit November 2012