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Zusammenfassung:

© Dr. Uwe Wiest, Dezember 2014

Religion gehört zum Menschen wie Sprache und Werkzeug.

Verschiedene Gesellschaften in verschiedenen Entwicklungsstadien bilden ganz unterschiedliche Religionen aus.

Bei der Religion geht es nicht um Transzendenz, sondern um die Regulierung diesseiger Lebensentwürfe.

Mit Religion werden grundlegende menschliche Bedürfnisse befriedigt: 

Angstreduktion durch Erklärung von Vorgängen:

Sinnlose und unberechenbare Ereignisse und Vorgänge machen Angst. Religion macht sie verstehbar und ordnet sie in ein größeres Geschehen ein.

Kommunikation statt einsames Ausgeliefert-Sein.

Das Gespräch mit Göttern oder einem Gott, das Gebet, das Bitten um etwas, das um Gnade Bitten, das Vermeiden von vermeintlichen bestrafenden göttlichen Verhaltens durch Wohlverhalten, gottgefällige Werke, nimmt den Menschen das Gefühl von sinnlosem Ausgeliefert-Sein.

Psychotherapie.

Religion hat Jahrtausende vielen Menschen als Psychotherapie gedient. Es geht um Angstreduktion, Ertragen und konstruktives Umgehen mit Schicksalsschlägen, mit dem Gefühl von Sinnlosigkeit („Wozu das alles?“). Religion kann offenbar Kräfte freisetzen, zum Verzicht auf Besitz und Macht führen, zu Großzügigkeit …

Ein Beispiel: bestimmte Varianten des Buddhismus erheben das Betteln zu einer gesellschaftlich akzeptierten Art des Verdienens von Lebensunterhalt.

Aber auch wirtschaftlicher Erfolg, das Erwerben von Reichtum durch kaufmännische Tätigkeit kann als Beispiel für Gottes Segen gewertet werden (Calvinismus).

Führung.

Menschen wollen Vorbilder und große Gestalten, die ihnen sagen, was richtig ist. Es gibt ein Bedürfnis, übermächtigen Personen mit ihren Botschaften nachzufolgen. Manchmal entsteht daraus eine Weltreligion, manchmal Krieg und Mord. Denn das Beurteilungsvermögen von Menschen wird durch das Bedürfnis nach charismatischer Führung eingeschränkt.

Führer sollen retten. Führer sollen an vorderster Front stehen und sich opfern. Zumindest ihr Opfer anbieten. Jesus Christus ist der Extremfall: Jesus als geistiger Führer leidet und stirbt für alle. Was ein normaler Mensch tunlichst vermeidet. Er sucht aber nach einer solchen Führung. Der Große Milde moralisch Unfehlbare. Karl Mays Old Shatterhand.

Es kann aber auch schon reichen, wenn der Führer (!) seiner Bezugsgruppe Reichtum, Wohlleben, Land, Geld, Sklaven verspricht. Moses, Mohammed, Hitler, ja auch der. Seine Appelle an die Gier der Menschen, die nicht selber rauben und morden wollen, aber gern jüdisches und russisches Eigentum entgegennehmen. Der Führer begeht stellvertretend die Verbrechen, die sich das einfache Menschlein nicht traut. Oder erst dann, wenn der Führer die Voraussetzung schafft. Das darf dann nur nicht schief gehen. Ein anderes Beispiel ist die sich katholisch gebärdende Mafia.

Legitimation.

Mit Religion können Handlungen legitimiert werden, die sonst nicht so leicht durchzusetzen sind, bis hin zu Verbrechen und Kriegen. „Gott mit uns“. Nicht nur der Graf, der Herzog, der Kaiser will etwas, sondern der Oberkaiser im Himmel.

Soziale Markierung als Grundlage des Zusammenhalts einer Gemeinschaft.

Ein Volk, eine Nation, ein Bündnis hat dieselbe Religion, die dem unterworfenen Gegner aufgezwungen wird. Die Anhänger von Verlierer-Religionen samt ihrer Sitten, Heiligtümer und Gesetze werden verfolgt und vernichtet. Beispiele aus jüngster Zeit: die Vernichtung von Kirchen und Moscheen im Balkankrieg. Die Sunniten zugeschriebenen Attentate auf schiitische Moscheen. Das anzünden christlicher Kirchen wegen Mohammed-Karikaturen.

Innerhalb von Religionen gibt es Untermarkierungen. Weiße Amerikaner gingen und gehen in andere Kirchen als Schwarz-Afrika-Abkömmlinge, anders ausgedrückt: Kirchen für Herren und Sklaven.

Heilige Bücher und Dogmen: Religiöse Vorschriften in heiligen Büchern sind zu uneindeutig und widersprüchlich, als dass man innerhalb einer Religion zwischen dem wahren Glauben (Berufen auf bestimmte Bibelstellen oder Suren usw. ABC) und dem Ketzerglauben (Berufen auf Stellen xyz) unterscheiden kann. Daher gibt es so viele Unter-Religionen, deren Angehörige sich oft bekämpfen. Aber das stört Gläubige nicht. Heilige Bücher werden als Ganzes wie eine Gottheit verehrt, und man kann Bücher auch beleidigen oder schänden, das ist wie Gotteslästerung.

Damit sich nicht jede Person ihre eigene Religion bastelt, braucht man eine Hierarchie mit erinem Vorschriftenkanon, wie man zu glauben und seinen Glauben zu zeigen hat, zum Beispiel Kirchen, und eine religiös gefärbte Gesetzgebung. Wie und was man glaubt, bestimmt die Kirche, nicht der Einzelne. Daher braucht die Religionsgemeinschaft gesetzgeberischen Einfluss. Besonders ausgeprägt ist das im gegenwärtigen Islam. Religionswächter sind keine tiefgeistlgen Menschen, sondern Angehörige einer Sittenpolizei, die zum Beispiel dafür "sorgt", dass Frauen wegen ihrer Bekleidung kriminalisiert und misshandelt werden.

Gerne wird von Religionsvertretern darauf hingewiesen, dass bestimmte Phänomene auch in wissenschaftlich-atheistischen Gesellschaftssystemen auftreten. Das ist kein Gegenargument, sondern eine Bestätigung. Wer aus Darwin, Marx eine Ideologie macht, zu der man sich bekennen muss, und wer entsprechende heilige Bücher und Filme hat, Stichwort Mao-Bibel, gehört in die selbe Kategorie.

Verschiedene Lebenspläne in derselben Glaubensgemeinschaft.

Eine weltumspannende Religionsgemeinschaft wie die katholische Kirche lässt ganz unterschiedliche Lebensansätze zu, die extrem unterschiedlicher nicht sein können:

Da gibt es Mönche und Nonnen, die sich der absoluten Kargheit in der Lebensführung verschrieben haben, und nur Arbeit und Glaubensritus kennen. Dann die eitlen Würdenträger in Rom. Oder die Herrscher, die sich durch die katholische Kirche oder islamische Richtungen legitimiert fühlen. Da gibt es Musik und Musikverbot, zum Beispiel im Islam. Gruppen mit Sinnenfreude und solche mit Askese. Tolerant-friedliche Menschen mit hohem Anspruch an Menschlichkeit und Liebe, aggressive Menschen, die vor Folter und Mord nicht zurückschrecken, wenn man sie lässt.

Toleranz?

Menschlichkeit, Gedankenfreiheit, Recht für alle, egal was sie glauben, dass gibt es in allen Religionen und hat es in allen Religionen gegeben, ebenso das Gegenteil wie man gerade in der Gegenwart sehen kann. Die  Moslems im mittelalterlichen Bagdad und das islamische Andalusien waren tolerant und haben den Frauen wirtschaftliche und rechtliche Anerkennung gezollt. Das römisch-katholische Christentum in dieser Zeit war aggressiv und primitiv. Konstantinopel hat sich mit Cordoba besser verstanden, viel besser, als mit Rom.

In der Moderne haben sich die christlichen Kirchen überwiegend eine andere Rolle zugeschrieben. Sie haben sich aus der säkularen Rechtsprechung weitgehend zurückgezogen und sich auf das Verteidigen der Schwachen und der mitmenschlichen Moral spezialisiert. Das gilt aber auch nicht überall, wie die Zerstörung von Kirchen im nur wenige Jahre zurückliegende Balkankrieg gezeigt hat.

Kirchen und Moscheen.

Der Mensch hat das Bedürfnis, seine Religion sichtbar zu machen und dem Himmel auf der Erde einen weithin sichtbaren dominanten Platz einzuräumen. Die religiösen Gebäude sind der Versuch, die Realität mit dem jeweiligen religiösen Gebäude zu schmücken. Dieses Bedürfnis ist so stark, dass die herrlichsten prunkvollsten Gebäude entstanden sind, prunkvoller als die Herrscherhäuser, und vor allem für das Volk zugänglich. In den Kirchen kannst du Gott und den Himmel sehen! Gott und der Himmel sind in den Kirchen Realität. Wie Burgen der Fürsten sind sie auch ein Zeichen der kirchlichen Macht.

Riten und Archetypen.

Menschen schaffen sich Symbole für Vorgänge und brauchen eine erhebende Begleitung für ihre Lebensstadien. Es geht um den kalten Winter und die Hoffnung auf Wärme und Erlösung. Es geht um die Geburt: wir sind alle nackt und von vornherein schutzbedürftig, überall lauern Gefahren. Es geht um Zeugung und Geburt, das Wunder, dass Frauen Kinder bekommen, säugen und aufziehen. Männer machen verschiedene Arten von bedeutsamem Zinnober, damit sie ihre Rolle haben, eben auch leider Kriege und Verbrechen. Man sehe sich nur die Geschlechterverteilung in der Kriminalität an! Aber Männer waren such Moralisten, Philosophen, Propheten, Wissenschaftler. Das ist eine Krise unserer modernen Zeit, dass Frauen offenbar beides können, das mit den Kindern und der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Religion wird in einem liberalen Staatswesen mit Gewaltenteilung gut angenommen, wenn sie die Archetypen bedient: Taufe und Kommunion-Konfirmationen für das Werden, Trauung für die Familiengründung, Bestattung mit Würdigung des Verstorbenen. Marienkult für die Verehrung der Frau und des Kindes. Religiöse Feiern sind Gemeinschaftsfeiern. Was Gläubige da für Energie hineinstecken!

Allein das Weihnachtsfest: der unbändige Wunsch der Menschheit, da möge jemand kommen oder gekommen sein, der uns alle rettet. Und das ist so oft ergreifend aufgeführt und vertont worden.

Neugier, der Wunsch nach Erklärungen

Religion und Wissenschaft haben ähnliche Antriebe. Wissenschaft will verstehen, die Welt erkennen, um Menschen besser schätzen und ihre Ausbreitung sichern zu können. Wissenschaftliche Denk- und Forschungsstrategien haben sich inzwischen als viel erfolgreicher als die Religionen erwiesen, auch und gerade für den menschlichen Alltag. Warum? Wissenschaft fördert Lernfähigkeit.

Was wir in den letzten Jahren über den Mikrokosmos, den menschlichen Körper, den Makrokosmos herausgefunden haben, drängt Religionen als Erkenntnisweg immer mehr an die Wand. Hygiene und Impfung: besser als Gebete. Kleine Kisten landen auf fernen Himmelskörpern. Wir wissen, dass es unendlich viele Planeten gibt.

Gott kann nicht auf einem Thron 500 Kilometer über der Erdoberfläche sitzen.

Aber die Frage, wie wir leben und überleben sollen, ist immer noch nicht geklärt. Ja, das ist so.

Warum sich religiöse Kosmologien ungerührt halten.

Sie befriedigen nach wie vor grundlegende Bedürfnisse. Der Mensch ist im übrigen anfällig für Aberglauben. Zufällige Ereignisse werden als göttliche Fügung interpretiert. Der Einsturz von Kirchen, Siege der vermeintlich Gottlosen und der in der Tat schlechten Menschen werden einfach ausgeblendet. Religiosität in der orthodoxen Form führt also zu erheblichen Wahrnehmungs-Verzerrungen und behindert Lernen. Oder macht alltägliche Wahrnehmungsverzerrungen erst sichtbar. Denn alle Menschen handeln nach sogenannten Erfahrungen, die statistisch bedeutungslos sind. Ein Beispiel ist der Siegeszug der Homöopathie.

Die Stärke einer gemäßigten Religion ist ihre Symbolkraft. Ergreifende Riten, Musik, Aufführungen, Begleitung von Lebensabschnitten, das brauchen die Atheisten nicht neu zu erfinden, um dann wieder selber zur Religion zu werden. Religion ist Symbolität, als Symbole können wir das mittragen, und wir brauchen nicht zu missionieren und anderen ihre Riten und Symbole streitig zu machen.

Einige Religiöse sind da leider noch nicht angekommen, und meinen das Böse in der orthodoxen Religion ausleben zu müssen.

Religionen altern.

Wenn sie frisch sind und die Gründer noch leben oder gerade verstorben sind, haben Religionen Vitalität und Anziehungskraft. Sie sind revolutionär, stellen das Bisherige einschließlich der sozialen Strukturen in Frage.

Dann bilden sie eigene Hierarchien und werden von den Herrschenden vereinnahmt, werden sozusagen staatstragend und verlieren ihr kritisches Potential. Diese Phase dauert im Allgemeinen sehr, sehr viel länger als die Anfangsphase.

Aber das ist ja im Leben der Menschen und ihrer Strukturen nichts Besonderes. Man betrachte doch nur die Parteien in der BR Deutschland. Die Grünen sind heute eine Art CDU-FDP und unterscheiden sich von den anderen Mainstream-Parteien vor allem durch ihr bürgerliches Moralin. 

Religionsgemeinschaften, Staatsdoktrinen, Parteien funktionieren nach denselben Mechanismen.

Gesammelte Aufsätze zu religiösen Themen aus dem Internet