Wer oder was ist Gott (nicht)? 8 Thesen

Gibt es eine allmächtige, allwissende Gottheit im Sinne einer Person, die Ausgangspunkt des Universums ist? Wie muss diese Gottheit beschaffen sein – und welche Vorstellungen sind damit unvereinbar?

Kein Gott greift ordnend in das menschliche Geschehen ein -

nein, überhaupt nicht, das ist jederzeit erfahrbar, und schon gar nicht zugunsten der Guten, im Sinne sozialen Verhaltens. Dafür gibt es für jeden Menschen sichtbare Erfahrungswerte.

Daher gibt es auch keinen linearen Zusammenhang zwischen Fürbitte und Ergebnis.

Beispiel: Die Pest wurde nicht durch Gebete, sondern durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse besiegt. Religiöse Menschen erleben aber, dass ihre Gebete erhört werden, irgendwann, irgendwie.

Gott kann keinen Sohn haben. Und keine Mutter. Und kein Geschlecht.

Wenn Gott allmächtig, allwissend und ewig ist, wie soll er dann einen Sohn haben, der auch Gott ist und schon immer da war? Das widerspricht jeder sinnvollen Definition des Begriffes Sohn. Ein Sohn ist von einem Vater und einer Mutter gezeugt und geboren, vor allem aber hat das Leben des Sohnes einen Anfang.

Wenn aber Gottvater, oder der Heilige Geist, mit einer Menschenfrau einen Sohn gezeugt hat, dann kann der nicht Gott sein. Und die Mutter kann nicht die Mutter Gottes sein. Wenn Gott eine Mutter hätte, wäre er nicht ewig, sondern durch eine Frau geboren. Die müsste dann vor Gott da gewesen sein. Die eigentliche Göttin. Wenn Jesus „wahr Mensch und wahrer Gott“ ist, dann ist Maria die Mutter des Menschen und nichts anderes.

Gott kann kein Geschlecht haben, denn Gott hat keine Frau und zeugt auch keine Kinder. Gott kann daher weder Mann noch Vater noch Sohn sein.

So einen kruden Unsinn können nur die Vertreter jahrhundertealter Institutionen verkünden. Durch langsame Gewöhnung wird dieser groteske Blödsinn zu einer Tatsache.

Wenn Gott allmächtig und allweise ist, kann er auch perfekt vorhersehen und wird nicht überrascht und wütend sein, wenn die Menschen ihm nicht gehorchen. Die Geschichten in der Genesis zeigen, dass Gott eben nicht allwissend ist – oder soll man sich Gott als böswilligen Komödianten vorstellen, der den Menschen absichtlich in die Falle tapsen lässt?

Was macht das für einen Sinn, wenn ein Gott einen Menschen schafft, der frei entscheiden kann, aber wenn er sich nicht gegen Gottes Anordnungen entscheidet, wird er aus dem Paradies verwiesen, ersäuft, verbrannt, je nachdem. Sofort oder am Ende der Zeiten? In alle Ewigkeit gequält?1

Die Sterblichkeit und das Leid kann nicht durch Sünde (Ungehorsam gegen Gott) entstanden sein.

Wenn der Mensch sterben muss, und seinen Lebensunterhalt im Schweiße seines Angesichts verdienen muss, weil er nicht gehorcht hat („Sündenfall“), wieso müssen dann alle Wesen um Nahrung für sich und ihre Nachkommen kämpfen, sterben und sich gegenseitig auffressen? Vom Einzeller bis zum Säugetier? Das ist doch offensichtlich von vornherein so eingerichtet.

Das ganze Sünden- und Gnadensystem der christlichen Kirchen ist daher absurd. Der Opfertod des Mensch-Gottes oder Gott-Menschen für die Sünden der Menschen ebenfalls.

Es kann keinen Gegengott namens Teufel oder Satan geben.

Wenn Gott allwissend und allweise und die Ursache allen Seins ist, wieso schafft er sich dann einen Widersacher? Zu seiner Unterhaltung? Wieso macht der Böse das mit, wenn er keine Chance hat? Zu blöd, oder eine Marionette Gottes? Wieso muss dieser ganze Kampf geschehen, und wieso wird danach die neue, bessere Erde kommen? Das hätte er doch gleich machen können. Wenn er aber allmächtig ist und das mit Absicht so konstruiert hat, dann ist Gott selber ein böser Zyniker. Ein Nero, der zu seiner Unterhaltung die Puppen tanzen lässt. Dann haben wir Lebewesen einfach sehr, sehr schlechte Karten.

Eine andere Lesart wäre: der Teufel ist ebenfalls ein Gott, und zwar ein gleichwertiger. Dann haben wir zwei Götter, die sich auf unsere Kosten bekriegen. Bei dieser Lesart macht auch das erste Gebot Sinn. Die Menschen müssen sich entscheiden. Polarisierung ist angezeigt. Die Offenbarung Johannes wäre dann als Endsieg-Propaganda-Schrift zu sehen, und der Ausgang der Endschlacht ist offen! Das passt natürlich auch nicht zu der Idee eines ewigen Allmächtigen.

Es gibt noch eine andere Lesart, die sich mit der Bibel begründen lässt: Satan ist nicht der Böse, sondern der Prüfer. Ein Mitarbeiter Gottes mit einer durchaus ehrenvollen Aufgabe, sozusagen auf Augenhöhe mit dem Chef.

Gott, wenn es ihn denn gibt, braucht kein Lob von sterblichen Lebewesen,

für sich und für seine Schöpfung, und der Mensch kann ihn auch nicht beleidigen.

Der universale ewige Gott muss nicht gelobt werden, anerkannt werden, der regt sich nicht auf, wenn einer einen anderen Gott anbetet. Das passt nicht zusammen. Das passt zu einem kleinkarierten Fürsten mit beschränkter Macht, aber nicht zu einem universalen Gott. Der braucht keine hündische Unterwürfigkeit.

Ein universaler Gott schließt keine Bündnisse mit Menschen gegen andere Menschen.

Der jüdische Gott schließt einen Bund speziell mit diesem Volk, damit es sich gegenüber anderen behaupten kann. Die europäischen Nationen haben sich vor dem ersten Weltkrieg alle auf Gott berufen. Aber warum sollte der einzige allmächtige Gott Partei ergreifen?

Gott teilt sich keinem Menschen Wort für Wort mit -

und schon gar nicht einzelnen Menschen und dann hunderte von Jahren nie wieder. Monotheistische Religionen sind Religionen von Bücher-Anbetern, Bücher-Götzen-Dienern.

Verlautbarungen von Propheten, Aposteln und Gottessöhnen als eins-zu-eins Ergebnisse eines Dialoges mit Gott? Nein. Gott sagt den Menschen beispielsweise nicht, dass das Weib untertan sein soll, ein Kopftuch tragen soll, zu schweigen hat, wenn der Kerl redet. Er sagt auch nicht, dass man Säuglinge rituell mit Wasser beträufeln oder ihnen die Vorhaut abschneiden soll. Oder dass jemand keinen Sex haben darf oder erst zu einem bestimmten Zeitpunkt, oder dies und das nicht essen soll.

Ein bekennender bibelfester Christ kann die Bibel hundertmal durchlesen. Weil er die Bibel zum Götzen macht, ist er nicht in der Lage, mit klarem Verstand zu lesen. Egal, was da steht, alles prima, weil Wort für Wort aus Gottes Mund. Er sieht nicht den abgrundtiefen sadistischen Hass in der Offenbarung Johannes gegen alle, die den sogenannten christlichen Weg nicht gehen wollen. Er sieht nicht die unnatürliche verklemmte Einstellung des Paulus von Tarsos gegen die Sexualität, gegen die Frauen. Er sieht nicht die Jesus in den Mund gelegten Äußerungen, Unfrieden in die Welt zu bringen2, der christliche Buchgötzendiener.

Oder vielleicht doch? Finden manche bibelfeste Christen das richtig? Danke schön. Teufel auch.

Nichts anderes ist es mit dem Glauben an die Unfehlbarkeit der Offenbarung im Koran, der Bibelkonkurrenz. Götzendienst. Wortgläubigkeit zur Abtötung des Verstandes und des Gefühls.

Die sogenannten monotheistischen Hochreligionen sind kein Fortschritt gegenüber früheren Religionen.

Die Gläubigen beten nicht zu einem und demselben Gott, sondern zu ihrem speziellen Gott und ihren speziellen Propheten. (Pastor Latzel, Bremer Martinikirche, bringt es auf den Punkt). Man kann nicht die eigene Religion für absolut und wahr halten und andere Religionen tolerieren. Das widerspricht dem ersten biblischen Gebot. Es ist ja auch unlogisch. Wenn eine Gemeinschaft vom universalen Gott eingerichtet wurde, kann eine andere Glaubens-Gemeinschaft das natürlich nicht für sich in Anspruch nehmen. Sie kann nur eine Irrlehre sein. Sogar verschiedene Richtungen innerhalb einer Religion können nicht toleriert werden.

Ihr Alleinvertretungsanspruch ist Ursache für viele Verbrechen in der Geschichte. So lange Religion mehr ist als der innere Dialog einzelner mit Gott, ein Machtmittel, ein Zwangssystem, bleiben Religionen gefährlich. Wer nicht bereit ist, absurde Dinge zu glauben, wird bedrängt und angegriffen, getötet, ausgerottet. Es sei denn, die säkulare Staatsmacht weist die Religionsgemeinschaften in die Schranken. Das Christentum ist anders? Noch mal: lest die Offenbarung des Johannes, die Hasstiraden und Straf-Fantasien gegen Nicht-Gläubige.

Das schließt nicht aus, dass in allen Religionsgemeinschaften viele friedfertige menschenfreundliche Personen zu finden sind. Für die Mehrheit der Menschen ist ihre Religion ein Wegbegleiter für verschiedene Stadien des Lebens, der man ansonsten nicht allzu viel Raum lässt. Man betet die alten Gebete, man spricht das Glaubensbekenntnis, aber man nimmt das nicht für bare Münze. Man huldigt dem Papst und benutzt Verhütungs­mittel. Man bekennt sich zum Islam und trinkt seinen Raki. Man nimmt das aus den Heiligen Schriften in Anspruch, was einem sinnvoll erscheint, das andere lässt man mal weg.

Religiöse Eiferer und Rechtgläubige hassen das am meisten: wenn jeder sich seinen Gott und seinen Glauben macht. Oder gar nicht an Gott glaubt. Oder an Irgendwas. Das raubt ihnen die ganz konkrete irdische Macht.

Was bleibt?

Glauben ist nicht Wissen. Glauben ist subjektive Erfahrung und Tradition. Der moderne Mensch kann von den Religionsvertretern erwarten, dass sie sich ausdrücklich zu der Möglichkeit ihres Irrtums bekennen und von jeder Verfolgung Anders- oder Ungläubiger ablassen, in Wort und Tat.

Menschen können sich an einen Gott wenden: im Gebet. Das kann Trost und Stärke geben, wenn man in Not ist. Manche Menschen empfinden Dankbarkeit Gott gegenüber, wenn es ihnen gut geht.

Bescheiden sein, anderen helfen, mit anderen solidarisch sein, sich bemühen, „gut“ zu sein, nicht nur an den eigenen Vorteil zu denken und danach zu handeln, das gelingt - vielleicht - besser, wenn man sich eins mit einem Gott weiß. Es spricht auch nichts dagegen, sein eigenes Verhalten kritisch zu sehen und sich vorzunehmen, es das nächste Mal besser zu machen, auch weil man hofft, dass dies Gott gefällt. Das ist sicherlich besser als dieses verquaste Konzept von der Erbsünde.

Die Menschheit muss schon selber dafür sorgen, dass es der Menschheit gut geht. Dann bricht eine göttliche Zeit an.

© Uwe Wiest, Delmenhorst, Oktober 1012, August 2013.



1Offenbarung 20. 10E

2Matth. 10;34 und 35.