Wahrheit und Gleichnis

Im Neuen Testament wird uns ein Jesus Christus geschildert, der seine Botschaften in Gleichnisse kleidet.

Jesus Christus ist, so glaube ich, selber ein Gleichnis. Von einem Menschen, der geboren wird, voller Hoffnung, der von Anfang an bedroht ist (Kindstötung des Herodes), der eine Zeit hat, wo nicht viel geschieht, wie eine Raupe, deren Bestimmung es ist, sich zu entpuppen.

Der dann reif wird und in eine glückliche Phase eintritt, in der ihm alles, einfach alles gelingt, dem die Menschen begeistert nachfolgen. Er hält sich für den Größten, die Massen halten ihn für den Größten. Er wird geliebt und angehimmelt, und er liebt wieder.

Er wird so übermütig, dass er der Staatsgewalt und dem Militär entgegentritt, weil er mittlerweile der Überzeugung ist, dass ihm niemand gewachsen ist, und dass er deswegen auf Waffen und körperlichen Widerstand verzichten kann.

Dann fällt er tief, ihm widerfährt in kurzer Zeit so viel Schlechtes wie einem Menschen nur widerfahren kann. Sozusagen: die Hölle tut sich für ihn auf.

Dann ist es so, dass er dies überraschend übersteht und nun erst recht zum Hoffnungsträger wird. Für viele, viele Menschen, viel mehr als zu den Zeiten seiner ersten Karriere. Außerdem über einen viel längeren Zeitraum.

Jesus Christus ist das Gleichnis für das menschliche Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Du wirst voller Hoffnung geboren, du bist immer gefährdet. Du wächst, körperlich und geistig. Wachstum stagniert manchmal, um dann ein rasantes Tempo vorzulegen.

Auf dem Höhepunkt stürzt du ab, es kommt die Krise. Aber du darfst auch in der schlimmsten Krise hoffen, wieder aufzustehen. Selbst im Sterben fühlst du dich dem Himmel nah.

Wenn du das verstanden hast, möchtest du das allen Leuten erzählen. Du bist begeistert und voll von dieser Erkenntnis. Das ist dann Pfingsten. Wie heute.

So gesehen ist es auch egal, wer dieser Jesus von Nazareth war. Nicht in dieser realen Person, sondern in dieser Person als Gleichnis für das menschliche Leben liegt der Sinn.

Das haben viele Menschen erkannt und feiern die alten Rituale Weihnachten, Passion, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, verehren ihre Maria und tragen sie umher, feiern Erntedank. Sie besinnen und konzentrieren sich bei Riten der Geburt, des Erwachsen-Werdens, der Eheschließung, der Entlastung von trüben Gedanken und Selbstvorwürfen, und schließlich des Sterbens.

Alle Religionen haben solche Rituale, und sie rühren die Menschen an, weil sie spüren, dass sie die Aufmerksamkeit auf Lebensabschnitte richten, die bedeutsam sind.

Auch die religiöse Musik rührt tief, ohne dass verbale Aussagen auf die Goldwaage gelegt werden müssen. Religiöse Texte, Dichtungen wie zum Beispiel manche Psalmen sprechen den Menschen tief an.

Religion ist so verstanden wie ein Kompass auf der Suche nach dem rechten Weg durch das menschliche Leben.

Religion in diesem Sinne braucht keine Dogmen, keine Konkurrenz zur Naturwissenschaft, und vor allem keine aggressive Mission.

09.06.14