Empathie und der Verlust der Unschuld. Oder: ein Entwicklungskonzept des Sündenfalls.

Das Konzept der Sünde war für mich mein Leben lang eine rätselhafte Angelegenheit. Natür­lich ist es offenkundig, wie schlecht der Mensch sein kann. Wir sehen tagtäglich, wie Menschen alles zusammenraffen und anderen das Notwendigste wegnehmen, wie viele Ver­brechen geschehen, dass Leute, sowie sie keine negativen Konsequenzen fürchten müssen, Böses tun oder sich zumindest daneben benehmen. In der Genesis (1. Mose 3) erfahren wir allerdings, dass der allmächtige Gott ausgerastet ist, weil der Mensch plötzlich klug war und zwischen Gut und Böse unterscheiden konnte. Da fühlt der Ewige sich hoch bedroht (Vers 22) und will den Schaden wenigstens begrenzen, und dem Menschenpaar das ewige Leben nehmen. Macht er dann auch. (Sonst hätte er nämlich keinen Vorteil mehr gehabt und hätte mit den beiden eine Kommune unter völliger Gleichberechtigung aufmachen müssen.)

Das ist dann die Grundlage für diese Geschichte, dass er seinen Sohn schickt, den hinrichten lässt, und dann muss man an dessen Gottes-Eigenschaft glauben und auf Gnade warten - und vielleicht darf man dann in ferner Zeit, nach dem jüngsten Gericht, wieder ewig leben. Ob man dafür die erneute Intelligenzminderung hinnehmen muss? Möglich: Ev. Joh 20, Vers 29: Selig sind die nicht sehen und doch glauben. Oder lesen wir bei Christian Morgenstern.

So habe ich immer gedacht und mich über diesen seine eigene Schöpfung positiv evaluierenden Gott (1. Mose 1, Vers 31) gewundert.

Das Tolle oder Ärgerliche an der Bibel ist, dass oft unerwartet etwas Wahres hinter diesen Geschichten steckt.

Ich habe mir ein Buch gekauft, das bei 2001 vertrieben wird und aus dem Verlag Rogner und Bernhard stammt.

Mark Rowlands: Der Philosoph und der Wolf. Was ein wildes Tier uns lehrt. 20097

In diesem Buch geht es um die Schilderung eines wüst zechenden und extrem kontaktarmen Philosophie-Professors, der mit einem Wolf und zwei Hunden zusammenlebt und darüber nachdenkt, was den Wolf und den Affen unterscheidet. Er stellt fest, dass der Wolf sich nicht verstellen kann. Wenn man ihn bei etwas was er nicht darf ertappt, erstarrt der Wolf. Er bleibt einfach bewegungslos stehen. Er weiß nicht, was er tun soll, er kapituliert. Nicht so der Affe. Der Affe entwickelt in seiner Horde etwas genetisch-sozial ganz Neues: die Einfühlung, die Empathie, die Verstellung, die Täuschung. Wenn man so will: die intelligente Sünde.

Die Empathie verhilft ihm dazu, sein Alpha-Tier auszutricksen. (Es geht um den männlichen Affen, aber die Weibchen können's auch). Seite 85 f.: Beispiel: er nähert sich einem Weibchen und zeigt ihm seinen erigierten Penis, aber so, dass das Alpha-Tier das nicht sieht. Er weiß also, was das Alpha-Tier in einer Situation sehen kann und was nicht. Das Weibchen ist interessiert, und sie verschwinden beide in ein Versteck, um sich zu lieben.

Oder: Das Alpha-Tier wird misstrauisch, hebt einen Stein, der Affe tut unschuldig und setzt sich woanders hin, nimmt dem Alpha-Männchen damit den Grund, ihn kaltblütig zu ermor­den. Empathie ist also eine Entwicklung, um durch Einfühlung Strafen auszu­weichen oder den in der Hierarchie höher Stehenden auszutricksen. Empathie braucht man, um die Bedürfnisse der anderen herauszufinden, damit man ein Komplott gegen das Alpha-Tier anfangen kann. Wenn das gelingt, wendet man sich gegen die bisherigen Freunde, und schmiedet neue Bündnisse, bis man selber das Alpha-Tier ist und alle Frauen haben kann.

Natürlich sind einige andere auch nicht doof ... Und das macht das Zusammenleben in der Affenhorde sehr, sehr anstrengend. Die Wölfe sind da besser dran.

Da das alle in der Horde machen, und die Empathischsten eine bessere Überlebens- und Fortpflanzungschance haben, und da die Entwicklung der Empathie die Intelligenz und die Hirngröße erhöht, entsteht der Mensch.

Rowlands erzählt den biblischen Sündenfall als Evolutions-Konzept! Wir sind das geworden was wir sind durch die Entwicklung von Lüge und Betrug. Die Entwicklung vom Wolf zum Affen hat uns schlau gemacht und führt möglicherweise eines Tages zu unserem Untergang. Menschen können einfach nicht dauerhaft solidarisch sein. Sie legen lieber andere rein.

Ein erfolgreicher Folterer braucht viel 'Empathie‘. Genauso wie erfolgreiche Kinderschänder in pädagogischen Institutionen. Oder Heiratsschwindler. Empathie zur positiven Unterstützung anderer Menschen, das ist ein Späteffekt der Zivilisation und zudem ein sehr zartes Pflänzchen in der Kultur.

Frau Käßmann, Ex-Landesbischöfin, ist in diesem Sinne eine Wölfin. Ertappt, erstarrt, ehrlich. Zur Täuschung nicht fähig und willens. Eine Äffin hätte herumgelogen und wäre im Amt geblieben.

Den Sündenfall hat es also wirklich gegeben. Der aufrechte Gang und die Hirn-Vergrö­ßerung. Wir sind gottgleich. Dem Teufel ebenbürtig. Wissend. Verschlagen. Kein Wunder, dass Gott sich endgültig zurückgezogen hat. Er hat es versäumt, rechtzeitig ordentlich drauf zu hauen, und nun ist es zu spät. Dem Teufel geht es nicht besser. Die Menschen können das alles alleine.

Übrigens, bei den Gebrüder Grimm (Rotkäppchen, die sieben Geißlein) wird der Wolf als verschlagen und schauspielernd dargestellt. Durch Rowlands wissen wir: Sie haben den Wolf verkannt. Wer packt denn anderen Rumpelsteine in den Bauch?

In dem Buch stehen noch viele andere schöne Sachen drin. Zum Beispiel über das Glück und die Gefühle, über die tierische Freude am Moment.















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