Die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse durch Religion

Die ungelöste Diskrepanz zwischen Erleben und Erkennen: Ich stehe im Mittelpunkt. Ich bin ich, ihr seid ihr.

Ich erlebe mich selbst als eine konstante Größe. Ich bin ich. Immer. Ich blicke aus meinen Augen. Ich nehme mit meinen Sinnesorganen wahr.

Es scheint so zu sein, dass es außer mir noch andere Menschen gibt. Die behaupten von sich dasselbe. Aber ich kann kein anderer Mensch sein. Andere sind in meiner Wahrnehmung Objekte. Sie sind von mir getrennt, und sie bleiben es. Ich kann mit ihnen interagieren und kommunizieren. Über die Sprache, die Schrift, die Mimik, die Gestik, durch Körperkontakt. Aber ich kann nicht wirklich zu ihnen wechseln. Mein ganzes Leben bleibe ich bei mir. Die anderen sind Abbilder in mir, oder?

Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, tot zu sein. Denn mit meinem Tod endet einfach alles. Dann ist nichts mehr. Das „Danach“ kann mich infolgedessen auch nicht wirklich interessieren. Ich kann es mir ausmalen, aber ich werde es nicht erleben. Das „Davor“ ist allerdings für mich interessant, erklärt es mir doch, warum die Dinge jetzt in meinem Leben so sind wie sie sind. Allerdings sind die Quellen meines Wissens darüber auch außer mir.

Aber ich weiß natürlich, ich „weiß“, dass es vor meiner Zeit Leben gab und andere Existenzen. Ich weiß das, so ist ja das Weltbild, dem alle zustimmen, dass die Dinge nach mir genauso weiter gehen. Nur, von meinem Erleben her ist das unvorstellbar.

Es fängt damit an, dass das Kind sich erarbeitet, dass Dinge aus seinem Blickfeld verschwinden und wieder auftauchen. Es lernt, dass manche Dinge weg sind und anscheinend doch noch da, denn sonst könnten sie nicht erneut wahrnehmbar sein. Andere Dinge verschwinden endgültig. Nahrungsmittel zum Beispiel. Die Mutter geht weg und kommt wieder. Andere Personen gehen weg und kommen nicht wieder. Wo ist die Sicherheit, dass Mutter nicht auch zu den Dingen gehört, die wegbleiben?

Ich spreche von meinen Gefühlen und weiß, was ich damit meine. Andere sprechen auch von Gefühlen, aber ich weiß nicht, ob sie dasselbe meinen, denn ich kann ihre Gefühle nicht wirklich fühlen. Bei Schmerz ist es offensichtlich, dass dieselben Ursachen mir weh tun und andere dieselben Sprachäußerungen und Verhaltensweisen zeigen, wenn ihnen weh getan wurde.

Es ist die Errungenschaft des Menschen, sozusagen eine objektive Wirklichkeit zu konstruieren. Der Mensch weiß: er ist nicht die Sonne, um die alle kreisen. Aber es wirkt so. Wir sind so von unserer objektiven Weltsicht eingenommen und an sie gewöhnt, dass wir gar nicht mehr merken, dass jede einzelne Person sich diese objektive Sicht konstruiert hat. Genau wie wir wissen: nicht die Erde steht im Mittelpunkt, sondern sie Sonne und eigentlich übergeordnete astronomische Gebilde oder Kräfte, wissen wir, dass einzelne Personen nicht im Mittelpunkt stehen. Diese Erkenntnis macht Handeln leichter und ist die Grundlage von Zivilisation. Nur dadurch, dass ich meine Subjektivität verlasse, andere Erfahrungen und Meinungen höre und sehe, die ich für mich gewinnbringend verwenden kann, profitiere ich von anderen. Ich werde ein soziales Wesen, indem ich mich von der Wahrnehmung meiner Einzigartigkeit löse. Ich verlasse sozusagen meine Position als Einzeller höherer Ordnung.

Nichtsdestotrotz: ich kann andere, die mir wichtig sind, verlieren. Ich kann andere auch töten. Die sind dann weg, ich nicht. Es sei denn, ich lebe in einem Land mit Todesstrafe, und ich werde erwischt. Aber wenn ich sterbe, ist alles aus. Diese archaische und lebensnahe Sichtweise ist eine Grundlage für die Entstehung von Religion. Die Religion, der Gottesglaube, die Geschichte des Menschen mit Gott, will über diese unvermeidliche Situation hinweghelfen.

Christentum: Versprechen an das Ich.

Die Schöpfer der Religion schaffen ein stabiles Ober-Lebewesen, das nicht stirbt und das immer anwesend ist oder doch wenigstens öfter mal. Im Christentum überwindet der Mensch gewordene Gott den unvermeidlichen Tod. Der macht es vor. Die christliche Religion verspricht ferner, dass wir eines Tages alle wieder dabei sind. Auch ich. Das Licht geht wieder an. Ich werde wieder wahrnehmen und dabei sein. Wenn ich das glaube, sonst nicht.

Der Christ überwindet damit die Angst vor dem Tod, vor dem Ende der Teilhabe an der Welt, vor dem persönlichen Weltuntergang. Dazu muss man allerdings sagen, dass diese Angst immer weniger verbreitet ist. Viele Menschen glauben, dass der Tod etwas ganz Natürliches ist, denn alles Leben stirbt und wird erneuert. Es ist nicht schlimm, dass ich mal nicht war und auch nicht sein werde. Ganz normal. Damit verliert das Angebot des Christentums seinen Reiz, zumal es aus naturwissenschaftlicher Sicht von kruden Annahmen ausgeht (zum Beispiel: Sterblichkeit und Leid durch Sünde des Geschöpfes Mensch verursacht. Was ist mit den anderen Lebenwesen?).

Glaube an Gott: Glaube an den verlässlichen schützenden, warmherzigen Verbündeten.

Dann gibt es eine zweite sicherheitsrelevante Angst: die Angst vor dem Verlassen sein und vor der Ausweglosigkeit.

Wie schon beschrieben: Menschen können verschwinden. Sie sterben oder brechen den Kontakt ab. Man lernt sich kennen, manchmal ist das wunderbar, dann lernt man sich von der anderen Seite kennen, das ist schrecklich.

Ich kann unheilbar krank werden, chronische Schmerzen haben, verkrüppeln, ich kann eingesperrt werden oder sonst vereinsamen, niemanden mehr haben, im eigenen Saft schmoren. Man kann eine Pechsträhne haben, alles was einem lieb ist, bricht einem weg.

Dafür hat der Gläubige den ewigen verlässlichen Vater.

[(Andante moderato. d-Moll) 3/2]
Ach wie gar nichts sind alle Menschen,
die doch so sicher leben.
Sie gehen daher wie ein Schemen
und machen ihnen viel vergebliche Unruhe;
sie sammeln und wissen nicht,
wer es kriegen wird.
Nun Herr, wes soll ich mich trösten?

[(Andante moderato.) D-Dur (3/2)]
Ich hoffe auf Dich.

(Psalm 39, 5-8)

[(Andante moderato.) d-Moll, C]
Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand
und keine Qual rühret sie an.

(Weisheit Salomos 3, 1)

Brahms, Deutsches Requiem.

Menschen in schwieriger, einsamer oder auswegloser Situation finden in dem ewigen Gott, der immer da ist, einen stabilisierenden Gesprächspartner.

Schließlich wird aus der Angst vor dem Tod eine Sehnsucht, endlich bei Gott zu sein.

Näher, mein Gott, zu Dir,
Näher zu Dir!
Drückt mich auch Kummer hier,
Drohet man mir,
Soll doch trotz Kreuz und Pein,
Dies meine Losung sein:

Näher, mein Gott, zu Dir,
Näher zu Dir!

Bricht mir, wie Jakob dort,
Nacht auch herein,
Find ich zum Ruheort
Nur einen Stein,
Ist selbst im Traume hier
Mein Sehnen für und für:

Näher, mein Gott, zu Dir,
Näher zu Dir!

Geht auch die schmale Bahn,
Aufwärts gar steil,
Führt sie doch himmelan
Zu meinem Heil.
Engel so licht und schön
Winken aus sel'gen Höhn:

Näher, mein Gott, zu Dir,
Näher zu Dir!

Ist dann die Nacht vorbei,
Leuchtet die Sonn,
Weih ich mich Dir aufs neu
Vor Deinem Thron,
Baue mein Bethel Dir,
Und jauchz mit Freuden hier:

Näher, mein Gott, zu Dir,
Näher zu Dir!

Ist mir auch ganz verhüllt
Mein Weg allhier:
Wird nur mein Wunsch erfüllt
Näher zu dir!
Schließt dann mein Pilgerlauf,
Schwing ich mich selig auf

Näher, mein Gott, zu Dir,
Näher zu Dir!

Quelle u.a. - YouTube

Glaube an den leidenden Christus erleichtert das eigene Leiden.

Der gefolterte und hingerichtete Christus, der aufersteht und gen Himmel fährt, ist ein großer Trost für Menschen, denen es schlecht geht. Sollte ich mich beklagen, wenn der Herr Jesus sein Leid auch ertragen hat? Leiden ist gottgefällig. Der Sohn Gottes ist eine ideale Ergänzung des Gott-Vaters. Deshalb ist die christliche Religion auch so attraktiv für die amerikanischen Negersklaven gewesen und eignet sich so hervorragend zur Disziplinierung der Entrechteten.

Glaube an die Mutter Gottes Maria, die immer da ist.

Die katholische Kirche ist anpassungsfähig und hat dafür gesorgt, dass es auch eine immer für Gläubige da seiende Mutter gibt, die Mutter Gottes Maria. Diese Ergänzung hat dazu geführt, dass in den Latein-Ländern die Marienverehrung viel inniger ist als die Gottes. Maria wird geschmückt und an hohen Festtagen in Prozessionen herumgetragen, zum Teil von einem Altar zum anderen. Das ist sehr anrührend.

Das Bündnis mit Gott rechtfertigt jedes Verhalten.

Der monotheistische Gottes-Glaube stützt und tröstet nicht nur in der Not. Wenn jemand mit seinem Verhalten durchkommt und Erfolg hat, ist das ein Zeichen, dass Gott Wohlgefallen an seinem Handeln hat. Die adeligen Ausbeuterkasten sind hochwohlgeboren. Ihr Militär und ihre Polizei sind effektiv, und die Kirchen haben jahrhundertelang mitgeholfen, die Unterdrückung zu legitimieren und »aufrührerisches Pack« zur Strecke zu bringen. Sie alle fühlten und fühlen sich durch das Nichteingreifen Gottes bestätigt. Wer seinen Besitz mehrt und Kriege gewinnt, hat Gottes Segen. So bauten sich Fürsten Privatkapellen und Kirchen und spendeten für den Kirchenbau, um Gott zu danken.

So stabilisiert die monotheistische Religion in ihrer psychologisch perfekten Ausrichtung als Christentum sowohl leidende Menschen als auch Herrschende, die keine Legitimierung benötigen als den Erfolg, den wie wiederum aus Gottes Segen ableiten. Daher auch das Segnen von Waffen und eine die Kampfkraft stabilisierende Militärseelsorge.

Das ist ja das Schöne an diesem Konzept: Gott greift nicht wirklich ein oder höchstens mal im wissenschaftlich unüberprüfbaren Einzelfall. Gott stellt nicht wirklich eine ethische Richtschnur auf. Gott lässt alles so laufen, die Gerechtigkeit findet erst am Ende der Tage statt. Das stellt gute und böse Taten ins Belieben des Einzelnen oder der religiös dominierten Gesellschaft. Denn auch hier darf die Verhaltenspsychologie herangezogen werden: Je größer die zeitliche Differenz zwischen Tat und Strafe, desto wirkungsloser ist die Strafe unter präventiven Gesichtspunkten.

Aberglaube

Der Mensch ist abergläubisch. Er stellt zwischen Dingen Zusammenhänge her, die gleichzeitig geschehen oder kurz nacheinander. Er verwechselt zeitliches Auftreten mit dem Ursache-Wirkungs-Prinzip. In vielen Situationen ist das hilfreich. Beim Glauben an medizinische Wirkungen oder an die Erhörung von Gebeten weniger. Manchmal ist das Ursache-Wirkungs-Denken auch einfach zu kurz, zu ausschnittartig. Die Ursache kann auch eine vorherige Wirkung sein. Man nennt das Verhaltensketten oder Verhaltenskreisläufe, aus denen nur ein Ausschnitt sichtbar wird. Bei manchen Familiendramen, die böse enden, ist es so, dass man solche langen Verhaltensketten findet, so dass die Schuldfrage sehr komplex zu beantworten ist.

Aberglaube ist ein Wesensmerkmal der Religion. Wenn ich so und so oft bete, in der und der Haltung, und alle Speise- und Kleidungsgebote erfülle und einmal eine Wallfahrt mache, dann wird Gott mir gnädig sein. Ja, manchen geht es damit gut. Das festigt den Glauben. Anderen geht es nicht gut, die überlegen, wo sie gegen was verstoßen haben. Oder warten auf die Belohnung im Paradies. Dass alles Zufall ist, das fürchtet der gläubige Mensch „wie der Teufel das Weihwasser“.

Aber, was bietet die Anwendung der aufgeklärten Wissenschaft dem Menschen?

Sie bietet dem Menschen, der im »richtigen« Land geboren ist, soziale Sicherheit, eine gute Krankenbehandlung, eine Versorgung im Alter, ein Netz von Unterstützungssystemen, dazu Spaß und Unterhaltung. Die Medien zaubern viel eindrucksvoller als in den alten religiösen Rituale und Wunder. Sie machen die deutlich bessere Show, basierend auf Elektrotechnik. Das Leben ist auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse einfach besser geworden. Wir leben nicht mehr in der dunklen verräucherten feuchten Bude im Winter und sterben nicht mehr früh an einer großen Auswahl unheilbarer Krankheiten.

In Wohlstandgesellschaften ist es nicht so dringend, an religiösen Konzepten festzuhalten. Deswegen verlieren die Kirchen zum Beispiel in Deutschland immer mehr an Rückhalt. Rituale, die nicht mehr ausgeübt werden, ohne Folgen, verblassen. Du lässt sozusagen eine Medizin weg, und es geht dir nicht schlechter.

Deshalb ist die Beliebtheit von Islamisten in der arabischen Bevölkerung auch begrenzt: denn sie sind der Garant für Armut und Arbeitslosigkeit und das Ausbleiben von Touristen (in Ländern ohne Öl). Die Leute wollen aber, dass es ihnen wirtschaftlich besser geht und dass man ihr Privatleben achtet.

Aber der Mensch ist religiös. Er glaubt. Ungebrochen. Vor allem an das Kapital. Haben wollen. Anhäufen.

Das ist der Götze Reichtum, dem viele verfallen sind, und der dazu führen könnte, dass die Menschheit mehr und mehr wieder in Armut versinkt. Der Glaube an das Geld, die Aktie, die Rendite, das Wirtschaftswachstum, diese Religion Kapitalismus droht dem wissenschaftlichen Fortschritt die wohltuende Wirkung auf möglichst viele Menschen zu nehmen. Die Leute vergessen offenbar, dass das letzte Hemd keine Taschen hat.

Das ist durchaus mit der Religion zu vergleichen: wir wissen doch alle, dass Vermögen und Einkommen allein über eine gewisse grundlegende Ausstattung hinaus nicht glücklich macht, mit Lebensglück überhaupt nichts zu tun hat. Trotzdem wollen Menschen immer mehr davon und raffen und betrügen und kämpfen um jeden Cent. Da ist es, das goldene Kalb im ersten Buch Moses. Haben Wollen ohne Sinn und Verstand. Das ist religiöser Aberglaube!

Es ist schön, zu geben und zu teilen und andere zu erfreuen. Da gibt es gerade im Neuen Testament viele Geschichten und Sprüche über die Dummheit des reichen Raffkes und die positive Wirkung der Achtung anderer Menschen und ihres Wohlergehens. Da gibt es auch viele positive Personen in den Kirchen, die danach leben. Aber letztlich war auch die Religion gegenüber dem Götzen Besitz reichlich wirkungslos, auch weil sie das nie zu ihrer Kernbotschaft gemacht hat. Vielleicht kommt das noch. Der Sieg des Mitgefühls.

Wissenschaft für sich genommen entwickelt sich weiter, weil der Mensch neugierig ist. Und auch in der Wissenschaft wird ja immer wieder um den Sinn gerungen. Warum interessieren sich die Menschen über das Werden und Vergehen des Universums, die Entstehung des Lebens? Warum ist es so interessant, herauszufinden, ob es bewohnbare und vielleicht sogar bewohnte Welten gibt? Auch die neurobiologische und -psychologische Forschung ist unter anderem angetrieben von dem Wunsch, uns selber zu verstehen. Wie kommt es zu dem menschlichen Bewusstsein, zu dem Ich-Gefühl, wie ist das mit dem freien Willen? Geben wir uns damit zufrieden, dass wir sagen: diese Selbstwahrnehmung ist biologisch-soziologisch sinnvoll? Sind das überhaupt die richtigen Fragen?

Die Wissenschaft wird, so hoffe ich, endlich auch die Sozialpsychologie ernster nehmen und Modelle entwickeln und umsetzen, wie die Menschheit solidarisch und intelligent zu einer gemeinsamen Weiterentwicklung kommt, - und die genetischen Fehler der Menschheit, die sich in der Geschichte so schrecklich niedergeschlagen haben, zu korrigieren suchen.