Realität und Religion

Was spricht für oder gegen den Wahrheitsgehalt religiöser Lehren?

Der Mensch hat gelernt, dass er etwas begreifen kann, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne, und dass viele Dinge handhabbar werden, wenn man ihnen Bezeichnungen verleiht und sie mit Verhaltenserwartungen verknüpft.

Das gilt für »begreifbare« Dinge und für Phänomene, die nicht unmittelbar begreifbar sind, und schließlich auch für Dinge, die der Mensch sich ausdenkt.

Wenn die Ausdenker dann noch Menschen mit starker Überzeugungskraft und Ausstrahlung sind, kann das die Menschheit Jahrtausende beeinflussen

Dass es in allen Menschengruppen, Völkern, Ländern Religionen gibt, vom Ahnenkult über die Vielgötterei bis hin zu monotheistischen Religionen, wird gern als Beweis genommen, dass es eine göttliche Wirklichkeit außerhalb der von uns erfahrbaren Realität gibt.

Dabei beweist das nicht mehr als die Tatsache, dass es offenbar zum Menschsein gehört, Religionen zu erfinden. So wie es zum Kaninchen gehört, Grünzeug zu fressen.

Der Mensch braucht Religion. Er braucht ihm Sinn machende Erklärungen für Naturphänomene, vor allem, wenn sie seine Existenz betreffen. Daher werden Naturgewalten zu Göttern, oder Untergöttern. Das Sterben wird zum Tod. Im Monotheismus werden alle Phänomene in einer einzigen göttlichen Hand zentralisiert (was im Katholizismus wieder aufgeweicht wird: durch die Heiligen).

Die Vorstellung, dass gute und schlechte Ernten, Krankheiten, Epidemien, Erdbeben und Fluten zufällige Ereignisse sind, die mit dem menschlichen Dasein und Verhalten nichts zu tun haben, ist nicht attraktiv und macht Angst. Lieber einem bösen Teufel oder einem zürnenden Gott ausgeliefert sein, der sich an dem Menschen für dessen Verhalten rächt, das kann man ja verstehen – und möglicherweise durch Wohlverhalten verhindern oder abmildern. Daher gibt es Opfer, ethische Vorschriften, Sanktionen.

Der Mensch stellt sich außerdem vor, dass die Gottheit besonders erzürnt ist, wenn man sie nicht ernst nimmt oder sich lieber an eine andere Gottheit wendet. Oder an gar keine. Gottlos, das ist in religiösen Kreisen das übelste Schimpfwort. Es ist emotional so belastet, dass niemand sagen möchte: „Ich bin gottlos!“ Vielleicht noch eher: „Ich bin Gott los.“

Mit einem Gott kann man auch kommunizieren. Man kann ihm etwas erzählen, um etwas bitten. Man kann die Gottheit loben und preisen und hoffen, Gott gnädig zu stimmen. Der Dialog mit Gott im Gebet gibt einem die Illusion, mit Gott zu kommunizieren – obwohl noch niemand eine Antwort erhalten hat. Es gibt keine Belege für Gottes Antwort, die einer handfesten Überprüfung standhalten. Gottes Antwort wird erlebt, aber das ist ein psychologisches Phänomen. Und diese tut dem Menschen gut. Menschen haben jahrelange Einkerkerung überstanden, weil sie mit Gott reden konnten. Das Gebet nimmt die Einsamkeit. Der Mensch ist nicht allein. Gott ist da. Allein das schon ist ein Argument für den Gottesglauben: er nützt dem Menschen bei der Überwindung von Angst, Einsamkeit, dem Gefühl des Ausgeliefertseins.

Deshalb halten Menschen gern am Gottesglauben fest, selbst wenn der Augenschein zeigt, dass sie keinen eingreifenden Gott auf ihrer Seite haben. Und dafür gibt es sehr, sehr viel Augenschein.

Der moderne Mensch hat dagegen Versicherungen, Arbeitsverträge, wenn er Glück hat, Geld, Eigentum, und ist den Tröstungen der Religion eher nicht mehr so geneigt. Daher die Kirchenaustritte und das Desinteresse an kirchlichen Riten, vom Gebetsverhalten mal ganz abgesehen. Das sind natürlich auch keine wirklich verlässlichen Dinge.

Wenn nun Gott das wäre, was die Religionen von ihm behaupten, wie würde das denn aussehen?

  • Er würde nachweislich und für jeden nachvollziehbar mit Menschen kommunizieren. Es wäre auch sichtbar, was sie oder er eigentlich ist.

  • Er würde klare Botschaften haben, damit wir verstehen, was das Ganze eigentlich soll und warum die Welt so ist wie sie ist.

  • Gott brauchte keine Mittler, die irgendwann gelebt haben, die irgendwann etwas aufgeschrieben haben, was verbindlich Gottes Wort sein soll, und das war es dann. Er würde sich heute und jederzeit mit den Menschen unterhalten und Zeichen setzen. Er würde sich so deutlich zeigen, dass eine Gottesverleugnung gar nicht möglich ist und von Dummheit zeugt. Es kann doch nicht sein, dass sich Gott mal so alle paar hundert Jahre äußert und in der Zwischenzeit schweigt.

  • Propheten, Gottessöhne wären überflüssig, weil jede und jeder Gottes Wort empfangen kann.

Also: es gäbe kein göttliches Versteckspiel.1

Es könnte auch keine Sünde, kein Gottesleugnen, keinen Abfall von Gott geben. Gott würde die Geschichte und die Zukunft kennen, wenn er allmächtig ist, würde er alles vorhersehen, es könnte auch kein Böses und ein Kampf gegen das Böse geben, mit all diesen kriegerischen und mörderischen Dramen, die in der Offenbarung Johannes vorhergesagt werden. Götter die wütend werden, sind nicht allmächtig und allweise, sondern, sofern es sie gibt, menschenähnliche Wesen mit ein bisschen mehr Macht und längerem Leben. Die griechischen Götter waren von dieser Art. Zeus hat alle hübschen Frauen, die ihm gefielen, gevögelt und geschwängert. So ein antiker Mick Jagger.

Nein, das ist alles nicht der Fall, und natürlich glauben die Religionsanhänger das nicht wirklich. Sonst müssten sie nicht nachhelfen. Immer wieder auch durch Mord und Verfolgung Andersdenkender. Die Bibel und der Koran sind durchsetzt vom Hass gegen die Ungläubigen und von der selbst gegebenen Legitimation, gegen sie vorzugehen. Wo ist das Vertrauen in den existierenden Gott, dass der schon dafür sorgt, dass die Menschen von ihm und seinen Propheten überzeugt werden? Sie wissen es, dass dieser Gott gar nicht existiert, oder zumindest gar nicht daran denkt, sich zu engagieren. Die Behauptung, man handele im Namen Gottes, erzeugt aber viel Kraft, und wenn sich eine große Gemeinschaft darauf einigt, dann wird es richtig gefährlich. Dann werden Völker ausgerottet, Hexen verbrannt, Bomben geworfen, die Gotteshäuser anderer Leute abgefackelt, Kulturdenkmäler zerstört.

Wenn ich mit engagierten Kirchenchristen rede, wundert es mich immer, dass die keine Probleme mit diesen Dingen haben. Die wollen auch gar nicht diskutieren. Aber da ist auch keine Fragehaltung. Ich war ein bisschen fassungslos, als eine evangelische Frau angesichts mehrerer schrecklicher Erkrankungen in einer Familie sagte: „Die haben echt die Arschkarte.“ Menschen wie du und ich. Nette Gemeinschaft, schöne Musik, keine aufdringliche Missionierung anderer. Da bin ich gern dabei. Aber so etwas macht »engagierte bibelfeste Christen« sehr wütend.

Mich wundert auch das nachsprechen christlicher Formeln wie des Glaubensbekenntnisses, ohne dass die Leute dahinter stehen: Auferstehung des Fleisches. Der Papst Benedikt hat ausdrücklich betont, dass die Kernbotschaft des Christentums die Auferstehung in demselben Körper ist, den jemand gehabt hat, und dass die christliche Botschaft der weltlichen Todesverleugnung ein Ende setzt. Diese Vorstellung ist absurd und zeigt das ganze Ausmaß der mentalen Verneblung durch Religion, aber sie wird nachgebetet. Wie gut! Wie nett! Tradition, Tradition. Ach du lieber Weihnachtsmann.

Die Verleugnung des Todes ist eine Erfindung des Christentums, da wird ein Bedürfnis geschaffen, nach ewigem Weiterleben, das völlig sinnlos ist, weil der Tod für jede Kreatur das ganz Normale ist! Ein natürlicher Verlauf wird als Gottes Strafe hingestellt! Auf dieser Konstruktion beruht die größte Weltreligion!

Fazit: das Vorhandensein von Religion und Gottesglaube erklärt sich aus Bedürfnissen der Menschen, einzeln und als soziale Gruppe. Sie schafft unter Umständen inneren Frieden, Identifikation, Gemeinschaft. Sie erklärt sich nicht aus einem nachweisbaren Wirken eines Gottes oder von Göttern. Die Menschen erfinden Religionen und Kosmogonien, um zu erklären und psychosoziale Ordnung zu schaffen, um Herrschaft, Gesetze und kriegerische Auseinandersetzungen zu legitimieren.









1Es sei denn, man stellt sich Gott als Trickser und Sadist vor, der sich am Elend der Menschen freut. Oder man geht davon aus, dass Gott Gegenspieler hat, die ihm an Stärke mindestens ebenbürtig sind. Aber das willl ja wohl erst recht niemand glauben.