Das Kreuz mit dem Gehenkten

Schon immer hat mich die Frage beschäftigt, warum der angebliche Sohn Gottes immer als schmählich Gehenkter gezeigt wird und nicht als Himmelsfürst oder segnender Heiland, und was das für das Gemüt des abendländischen Menschen bedeutet, den gottgleichen Religionsgründer als gequälten geschändeten Verachteten zu sehen, in jeder Kirche. Niemand merkt anscheinend, dass in dieser Symbolik der Wurm im Christentum sichtbar wird. So ist das mit der Wahrnehmung, wenn man das immer erlebt, wird es Gewöhnung. Es wirkt trotzdem.

Von der Brutalität dieser Darstellung müsste eigentlich an jeder Kirche stehen: Für Jugendliche unter 18 Jahren nicht geeignet. Wie soll man einem kleinen Kind erklären, dass der nackte Mann, der da ans Holz genagelt wurde, Gott ist? In Bayern hängt das in jedem Klassenzimmer.

Jesus von Nazareth hatte, so sagt man, eine Botschaft, die die Menschheit moralisch Jahrhunderte in die Zukunft katapultiert hätte.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist eine ethische Aufforderung, die auf zukünftiges Verhalten der Menschen gerichtet ist. Würde die Menschheit darauf hin arbeiten, hätten wir schon bald das Paradies auf Erden. Wenn die Menschen in Zuneigung zueinander halten würden, hätten alle ein schönes Leben und könnten das Leid immer weiter reduzieren.

Natürlich hatte Jesus von Nazareth auch seine Beschränktheiten: Er war ein Schriftpedant und musste unbedingt aus dem alten Bündnis nachweisen, dass er der Messias sei. Er musste unbedingt so Zauberkunststücke machen, mit Kranken, mit Wein und so. Er musste überall herum erzählen, er wäre Gottes Sohn und niemand käme zum Vater denn durch ihn.

Er glaubte, dass Gott ihn schützen würde, wenn er gewaltfrei gegen die Obrigkeit vorgehen würde. Er hat nicht begriffen, dass ein Messias das selber in die Hand nehmen musste. Judas Ischarioth hat das erkannt, Petrus auch, aber Jesus musste sein Ding machen. Mohammed war da später anders drauf.

Überall stehen die Kreuze, das Zeichen der Niederlage des Jesus von Nazareth. Der war so gefährlich für die Obrigkeiten, dass das Christentum erfunden und dieses Niederlage-Zeichen überall auf der Welt eingepflanzt werden musste. Auf vielen Bergen, an vielen Straßen, und vorn in den meisten Kirchen steht so ein Ding. Alle sollen deine Schande sehen, Jesus, wie du geendet bist! Als Galgenvogel! Damit nie, nie, nie mehr einer kommt, der lehrt, man müsse seinen Nächsten lieben. Hau ab, Jesus, du Verlierer! Wir wollen unsere Nächsten nicht lieben, sondern bei Bedarf ausplündern, demütigen, töten.

Die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Könige, die Römer, die Hohepriester, die Kaufleute, die Kriegsknechte haben gewonnen. Dafür hat man ihn zum Gott erhoben. So macht man das mit großen Unliebsamen: man befördert sie. Die Legende von der Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt besagt: Weg mit dir, Jesus, du bist nun Gott. Sei zufrieden. Gib Ruhe. Das muss reichen. Und lasse dich hier nie wieder sehen!“

Seine Botschaft von der Liebe wird ersetzt durch unverbindlichen und unverdaulichen Quatsch: er sei gestorben für unsere Sünden. Das verpflichtet zu gar nichts, außer zur Kirche zu halten. Kurzfassung: Wer das glaubt, wird gerettet, wer nicht, kann im wahrsten Sinne des Wortes was erleben. Im Diesseits oder im Jenseits.

Die Christenheit ist eine einmalige Religion: sie bekämpft ihren Religionsgründer mit einem unglaublichen Nachdruck und stellt das als Huldigung dar. Sichtbar blamiert sie ihn bis auf die Knochen. Nützliche Nebeneffekte: Hass schüren auf die Juden, auf die Ungläubigen, auf alle die an etwas anderes oder gar nichts glauben. Das ist so entsetzlich krumm und faul und die Ursache der jahrhundertelangen christlichen Barbarei.

Ja, heute haben viele Menschen nicht genug zu essen, kein sauberes Wasser, keine Bildung. Weil eine dünne Oberschicht auf dem ganzen Planeten alles für sich haben will. Da hätte dieser Jesus doch wirklich gestört.