Die Tragik des Christentums. Mein Wort zum Karfreitag

Im Christentum ist die Passion des Jesus von Nazareth von zentraler Bedeutung. Umso erstaunlicher ist, dass Folter und Hinrichtungen im christlichen Einflussbereich nicht abgeschafft und geächtet wurden, sondern jahrhundertelang als legitimes Mittel gegen zu Feinden der Kirche erklärte Menschen galten – bis zur säkularen Erklärung der Menschenrechte.

Nun kann man das damit begründen, dass das Christentum korrumpiert wurde durch die Entwicklung zur Staatsreligion. Es sei eben nicht das echte, wirkliche Christentum, das man im Mittelalter und in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit praktiziert hat. Alles wurde gerechtfertigt, das Verbrennen von Ketzern, die Ausrottung von sogenannten Heiden in anderen Ländern, die Sklaverei der aus Afrika Verschleppten. Absurd die Kriminalisierung der Abtreibung kombiniert mit der Befürwortung der Todesstrafe, wie von amerikanischen rechtskonservativen Christen gefordert und, wo sie Einfluss haben, praktiziert. Es gab Kreuzritter und in jüngster Zeit (Libanon) christliche Milizen! Die Achtung vor dem Leben und der Unversehrtheit des Mitmenschen ist keine zentrale Botschaft des Christentums.

Ist das ein Missverständnis? Ich meine, der Grund für die Irrelevanz der Menschenrechte für das Christentum liegt woanders, nämlich in der Aussage, Jesus von Nazareth sei gar kein richtiger Mensch gewesen, sondern Gott. Er unterscheidet sich vom Menschen durch seine unbefleckte Empfängnis (!), er ist ohne Sünde, er ist nicht wirklich sterblich. Man kann ihm Schmerzen bereiten, aber nicht wirklich umbringen. Für ihn war das Ganze ein sehr, sehr hartes Spiel, aber eben nur ein Spiel. Menschen verrecken am Kreuz oder auf dem Scheiterhaufen wirklich und endgültig. Da nützen auch Nebelkerzen wie „Wahr Mensch und wahrer Gott.“ nichts. Dieser so vorgestellte Jesus ist keiner von uns.

Deshalb durfte man ihn nicht quälen und töten, dagegen den Menschen, der ja etwas ganz anderes ist, sündig, befleckt, sterblich, umso mehr. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. So mit Jesus umzugehen war ein Skandal, dasselbe mit Menschen zu tun ist in Ordnung. Der Vorwurf der Passion ist: Die Römer und die Juden haben es mit dem Falschen gemacht. Nicht: Folter und Mord durch die Obrigkeit ist per se verbrecherisch. „Nicht diesen, sondern Barabam!“

Würde Jesus im Christentum als Mensch wie du und ich angesehen, hätte die zentrale Botschaft sein müssen, den Menschen zu achten und nie wieder so etwas mit Menschen zu tun, was da in der Passion geschehen ist. Das wäre eine wirkliche Hammerbotschaft gewesen, die die Welt verändert hätte.

Die Alternative: wenn Jesus Gottes Sohn ist, hätten die Kirchen auch alle Menschen zu Gottes Kindern erklären können. Das können sie immer noch! Auch dann hätte die Passion auf alle Menschen generalisiert werden müssen. Nie wieder Legalisierung von Terror und Mord durch die Obrigkeit. Jeder Mord an Menschen ist Mord an Gott.

Liebe Christen, es ist immer noch Zeit, die Trennung zwischen Jesus und der übrigen Menschheit aufzuheben. Dann macht auch das Kruzifix in den Altarräumen und am Wegesrand Sinn. 02.04.12