Selbsttötung oder Jammertal.

Warum die Selbsttötung aus monotheistischer Sicht ein Verbrechen ist.

Dieses Leben hat der Schöpfer als Jammertal eingerichtet. Der Mensch ist Krankheiten und Katastrophen ausgeliefert, er ist verletzlich und hat oft Schmerzen. Daraus resultieren Angst und die Bereitschaft, bei Gott Halt zu suchen. Wir kennen das doch. In der Verzweiflung findet mancher zum Gebet, der vorher nicht im Traum daran gedacht hätte. Die Not fördert den Glauben und die Huldigung.

Damit manche das Jammertal auch besonders gründlich auskosten können, gibt es das christliche Selbsttötungs-Verbot. Du sollst leiden, wie auch der Heiland gelitten hat. Angenagelt an den nicht mehr funktionsfähigen Körper. Schmerzen ohne Ende. Ständige Verschlimmerung ohne Hoffnung. Gedemütigt in deiner Hilflosigkeit.

So lehren die Heiligen Männer: wenn du das verweigerst, verleugnest du das Kreuz.

Das gehört zu den monotheistischen Religionen, allen voran zum Christentum: Angst vor dem Sterben schüren, Angst vor dem Tod schüren, und dann das Heilsversprechen machen: ein Versprechen der Wiederherstellung des Körpers bei der Neuschöpfung am Ende der Zeiten, dann aber ein ausgereiftes sprich ewig haltendes Modell.

Was soll das sein? Wir sind Säuger, Lebewesen, in den Kreislauf von Luft-, Wasser- und Nahrungsaufnahme und Ausscheiden eingebunden. In den Kreislauf von Gezeugt Werden, Leben, selber Zeugen und Sterben. Wir leben im irdischen Raum, in der werdenden und vergehenden Zeit. Und nun das Heilsversprechen: Wenn du Gott folgst, wirst du unverweslich. Nicht recyclebar. Du brauchst keine Kinder, keine zwei Geschlechter mehr, deine Gestalt unterliegt in Ewigkeit keinerlei Veränderungen. Kein Verfallsdatum. Bist du dann noch du? Oder dein eigenes Denkmal? Selber ein Gottchen?

Egal. Zu dieser Verwandlung kommst du natürlich nicht, wenn du eigenmächtig deinem Leid ein Ende machst. Wenn du die Angst vor dem Tod nicht hast oder selber überwindest und vor allem nicht mit der Angst vor dem Sterben verwechselst. Wenn du einfach abhaust aus deinem Garten Gethsemane, bevor die Folterknechte kommen.

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurdest du „draußen“ an der Friedhofsmauer verscharrt, wenn du dich selbst getötet hattest. Du warst ein gottloser Mörder.

Diesen Standpunkt möchte ich im wahrsten Sinne des Wortes zum Teufel schicken. Bevor ich mit jemandem über Selbsttötung und Beihilfe zur Selbsttötung diskutiere, möchte ich, dass dieser religiöse Hintergrund entlarvt und ad acta gelegt wird. Keine Fremdbestimmung durch die Religionsgemeinschaften!

Wem das zu atheistisch klingt: Leidender, gehe in direkten Kontakt zu deinem persönlichen Gott und frage ihn, was du tun sollst. Es kann durchaus sein, dass dein Gott ein gnädiger, gewährender Gott ist.

Der Tod kommt so und so, ob ich ihn selber herbeiführe oder ob er mich ereilt. Der Tod ist mein Freund. Ich war vor der Zeugung tot und ich werde es wieder sein. Ich habe noch nie gehört, dass Tote sich darüber beschwert haben.

Das Thema ist wahrlich kompliziert genug, auch ohne diesen heiligen Ballast.

© Uwe Wiest, 2012

Der selbst gewählte Tod

„Mein Vater hat ALS, Amyotrophe Lateralsklerose, eine schwere Nervenerkrankung, im weit fortgeschrittenen Stadium. Er hat sich entschieden, den Weg der Sterbehilfe zu nehmen, weil er das, was kommt, nicht mehr erleben möchte: künstliche Beatmung und Ernährung, Verlust der letzten noch vorhandenen motorischen Fähigkeiten, einschließlich des Sprechens, mit großer Wahrscheinlichkeit Tod durch Ersticken.“ ZEIT-ONLINE. Stand 5.11.2012 Aufschlussreich sind die Kommentare zu dem Artikel.

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