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Uwe Wiest

»Irgendwas« erzeugt das Universum und die Menschen.

Durch die Menschen wird »Irgendwas« zu Gott.

Gott und die Menschen brauchen einander.

Ein meta-religiöser Ansatz.

»Irgendwas«1 schafft die Menschen. Menschen-Gemeinschaften gestalten Gott.

Menschen gestalten Religionen. Menschen haben das Bedürfnis, ein Weltbild zu schaffen, dass ihnen Halt gibt. Dies in einer Welt, wo nichts sicher ist, und wo jeder jeden frisst, wo es Krankheiten, Katastrophen gibt und der Tod stets gegenwärtig ist.

Diese Religionen bündeln die Kräfte der Menschengruppen und einzelner Menschen. Wer sich an die religiösen Vorschriften hält, ist stärker.

Das Universum ist von »Irgendwas« geschaffen. Wir verstehen nicht, wie »es« das getan hat, was der Zweck des Ganzen ist, ob das Ganze überhaupt einen Zweck hat.

»Irgendwas« ist gesichts- und gestaltlos. Die Aufgabe der Menschen ist es, »Irgendwas« eine Gestalt, eine Geschichte, eine Struktur zu geben. Das können Menschen mit ihren Gehirnen tun. »Irgendwas« wird zu Gott.

Wenn die Menschengruppe dem Gott nicht mehr anhängt, verblasst Gott und wird wieder zu »Irgendwas«. Das hat es schon oft in der Geschichte der Menschen gegeben. Zum Beispiel: Baal, Zeus, Jupiter, Wotan und ihre himmlischen Freunde und Feinde.

Verschiedene Menschengruppen folgen verschiedenen Göttern, früher und heute.

Menschengruppen interagieren mit ihrem Gott. Gott verändert die Menschen, Menschen verändern den Gott. Die Menschen sind abhängig von ihrem Gott, Gott ist abhängig von den Menschen.

Das erste Gebot. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Gott ist der von einer Menschengruppe gestaltete Gott aus »Irgendwas«.

»Irgendwas« ist allmächtig, immer schon da gewesen und wird immer sein. Gott nicht. Gott ist von Menschen geformt, endlich, nicht allwissend – und Gott hat Konkurrenz. Gott hat Konkurrenz, die ihn besiegen kann, ihm seine Gestalt nehmen kann.

Nur so erklärt sich das erste Gebot. Es besagt nämlich, dass die Möglichkeit besteht, sich einem anderen Gott anzuschließen. Sonst macht das erste Gebot keinen Sinn.

Ein allmächtiger und einziger Gott würde ein solches Gebot nicht erlassen, weil es dann töricht und lächerlich wäre, einem anderen Gott zu huldigen – Gott könnte eine solche Person nur mitleidig belächeln. So wie ein Kind, das an den Weihnachtsmann oder den Storch glaubt. Aber das erste Gebot ist die wichtigste, die erste, alle anderen Gebote dominierende Vorschrift.

Die ganze Bibel dreht sich um das erste Gebot. Zu Gott halten oder von Gott abfallen, andere Götter anbeten. Das ist das Thema von Moses bis zur Offenbarung des Johannes. Im Islam ist das genau so.

Andere Gebote und Vorschriften treten demgegenüber in den Hintergrund. Es sei denn, die Vorschriften sind unmittelbar mit der Anerkennung Gottes verknüpft.

Religiöse Moralgebote stehen daher nie für sich selbst, sondern sind Befehle des jeweiligen Gottes. Wer den Anordnungen des Gottes nicht folgt und dafür anderen Anordnungen, weil sie oder er einer anderen Religion angehört, ist daher mit Ungläubigen gleichzusetzen. Denn: Gottes Befehle und Gesetze sind nicht relativ, sondern absolut zu verstehen.

Gott hat ein Kommunikationsproblem. Deshalb gibt es Mittler.

Gott ist offenbar kaum willens oder in der Lage, mit Menschen zu kommunizieren. Da bedarf es herausgehobener Menschen, die Gott als Empfänger benutzt: die Mittler.

Die Mittler sind Menschen, die eine direkte Verbindung zu Gott haben. Daher ist an dem, was sie äußern und vorschreiben, nicht zu deuteln. Keine Diskussion. Die Offenbarungen sind heilig und für alle verbindlich.

Beispiele: Moses, die alttestamentarischen Propheten,  Paulus und andere Apostel - und Mohammed, DER Prophet.

Jesus von Nazareth wäre auch ein Mittler geworden, aber Jesus wurde zu Christus, zu Gott. Durch das Neue Testament wurde eine neue Gottheit geschaffen, die Gottheit mit den drei Gesichtern.

09.01.16: Allerdings hat es für die Mächtigen große Vorteile, wenn Gott sich einfach nicht meldet. Da kann das größte Dreckschwein auf einem Thron sitzen und seine Mitmenschen ausbeuten und misshandeln. Von Gottes Gnaden. Gott legitimiert durch Nichts-Tun. So haben es die Fürsten dieser Welt schon immer gemacht. Und natürlich fleißig Gotteshäuser errichtet.

Gibt es nun Gott oder gibt es ihn nicht?

Früher war es für die Menschen eine Selbstverständlichkeit, dass es Gott gibt. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass der persönliche Gott eine Ausgeburt menschlicher Gehirne ist und nicht real existiert.

Im heutigen naturwissenschaftlichen Verständnis gibt es keinen Platz für Götter, Geistwesen und Himmel als Sphäre oberhalb des Sternenzeltes. Aber: der Fortschritt der Wahrnehmungs-Ergänzungen und des wissenschaftlichen Denkens führte zum Beispiel dazu, dass im 18. Jahrhundert die Kleinstlebewesen entdeckt wurden, ein ganzer Kosmos voller Lebewesen. Hätte man so etwas hundert Jahre vorher vermutet, wäre man für verrückt erklärt worden.

Der augenblickliche Erkenntnisstand kommt einem immer wie der endgültige vor. Sicher stehen uns noch bahnbrechende Entdeckungen bevor, und man wird genauso mitleidig auf die heutige Zeit blicken, wie wir das gegenüber dem 18. oder gar dem 12. Jahrhundert tun. Es ist zum Beispiel unlogisch zu glauben, unser Intelligenzniveau sei die höchste Stufe im ganzen Universum und unsere Art als Wesen zu existieren die einzig Mögliche. Wie lange gibt es den kulturell begabten, sprechenden, denkenden Menschen, wie lange im Vergleich zur Existenz des Universums? Noch vor Kurzem wussten wir nicht, ob es überhaupt Planeten außerhalb des Sonnensystems gibt. Möglicherweise gibt es im Makrobereich Wesen, die der Menschheit in jeder Beziehung überlegen sind. Vielleicht sind sie auch anwesend und wir können sie zur Zeit noch nicht erkennen, weil sie – anders sind. Vielleicht sind diese Wesen, so lange sie uns nicht bedrohen, für uns genauso wenig Kommunikationspartner wie die Pantoffeltierchen. Zu anders. Kann sein oder auch nicht.

Wir werden mehr wissen, wenn wir bescheiden, offen, wissenschaftlich akribisch und geduldig sind.

Gott ist besiegbar. Wozu sonst die Propaganda?

Das ist aber kein Grund, esoterisch herumzufabulieren oder die alten Götter zu reanimieren.

Beispielsweise den aus der Bibel. Da wird ein Gott beschrieben, der der nichts richtig vorhersehen kann, dem die Menschen immer wieder zu entgleiten drohen, der davon überrascht ist, wütend wird, der sich mit Menschengruppen gegen andere Menschen verbündet, der einen Vater (Abraham) auffordert seinen Sohn zu töten, um seine Treue zu testen, oder der mit dem Satan (dazu später) paktiert, um einen Gläubigen (Hiob) aufs Härteste zu prüfen. Der im Neuen Testament seinen »Sohn« quälen und töten lässt.

Die Bibel beschreibt, dass Gott einen Widersacher hat. Gott braucht eine Gemeinschaft der Gläubigen, damit er gegen den Widersacher siegen kann. In der Offenbarung des Johannes wird ein fürchterlicher Krieg beschrieben, in dem das Tier, die Hure Babylon und die böse Schlange besiegt werden. Dann kommt endlich die wirklich perfekte Schöpfung, in der Gott nur noch Gläubige um sich hat.

Wenn Gott allmächtig wäre, hätte ein Widersacher ja wohl keine Chance, und es wäre sinnlos, Gott zu bekämpfen, es sei denn, der Widersacher ist bemitleidenswert dämlich oder masochistisch. Aber Gott kann besiegt werden, wenn die Gläubigen nicht zu ihm halten. Das Ergebnis ist nicht ausgemacht. Die Offenbarung ist Propaganda, eine Durchhaltegeschichte.

Religion ist aggressiv, intolerant. Sie muss es sein.

Die Offenbarung des Johannes ist eine martialische, aggressive Geschichte. Weil Gott vergänglich ist, also sein Gesicht verlieren und von anderen Gottheiten ersetzt werden kann, ist die Religion Ausgangspunkt des brutalen Kampfes gegen andere Religionen und Kulturen, sogenannte Ketzer, Häretiker.

Das Alte Testament war die Religion des jüdischen Volkes. Ihr Gott war ihr Verbündeter und gab aggressive Befehle gegen andere Volksgruppen, die anderen Göttern huldigten. Das Christentum ist nicht oder wenig volks-, sondern ausschließlich bekenntnis-gebunden. Und hat einen genauso aggressiven Gott, wie man in der Offenbarung des Johannes, und nicht nur da, nachlesen kann. Die Rache an den Ungläubigen wird aber teilweise vertagt, auf spätere Zeiten und das Weltende.

Die heutige Forderung auf dem Hintergrund säkularer Menschenrechte: Religionen sollen tolerant sein, ist nicht erfüllbar. Eine starke Religion ist eine aggressive Religion mit Alleinvertretungsanspruch. Zumindest was die universalen monotheistischen Religionen angeht.

Religionsvertretern, die zum Frieden aufrufen, ist massiv zu misstrauen. Es sei denn, sie räumen ein:
Auf jede Bibel, auf jeden Koran gehört der Aufdruck:
Glauben ist nicht Wissen. Glauben kann Unsinn sein. Glauben gefährdet unter Umständen Ihre geistige Gesundheit.

Religion ist humorlos.

Hat Gott jemals gelacht? Hat Jesus gelacht? Oder Mohammed? Gab es unter Jesu Jüngern wenigstens einen Hofnarren? Witze und Satire über religiöse Inhalte, das ist immer gleich Gotteslästerung, Prophetenbeleidigung, in Staaten mit religiöser politischer Dominanz gibt es ja auch solche »Delikte« wie Staatsbeleidigung. Religion zeigt gerade darin ihren autoritären Charakter. Alles ist wichtig, alles ist ernst. Auf die Knie, runter mit dem Kopf. Sonst kommt er wirklich runter. Oder es knallt.

Gott neu formen, Gott modifizieren, das ist gut für Gott und gut für die Menschen.

Gläubige Menschen fühlen sich unterstützt, finden in Gott Trost, überstehen besser Krisen, finden Halt und kommunizieren mit Gott. Sie ertragen es besser, wenn unerklärliches Leid und Ungerechtigkeiten geschehen, weil sie sich nicht anmaßen über die Geschehnisse zu urteilen. Gläubige Menschen gestalten sich gemeinsam eine Struktur, die besser auszuhalten ist als der blinde zufällige Wahnsinn, der über Menschen hereinbricht.

Immer wieder sind die Götter, ist Gott neu erfunden oder umgestaltet worden. Das können die Menschen ganz offenbar. Die griechischen und römischen Götter gelten heute so viel wie der Osterhase. Niemand glaubt mehr an ihre Existenz. Sie sind als Götter verblasst.

»Irgendwas« sorgt für neue Mittler, die ein verbessertes Gottesmodell kreieren. »Irgendwas« hat vielleicht sogar das Ziel, über die Menschen eine personalisierte vollkommene Gottesgestalt anzunehmen: in der Vorstellung der Menschen.

Gott will keine Angst mehr haben, wie frühere Götter: zu »Irgendwas« zu verblassen, und der Mensch will keine Angst mehr haben, von den Naturgewalten oder von Seinesgleichen in Not gebracht zu werden und den Tod fürchten zu müssen. Es gilt für Gott und die Menschen, es ist nicht schlimm, wieder zu »Irgendwas« zu werden.

Jesus-Special: Das Alte und das Neue Testament

Jesus von Nazareth, die Apostel, Paulus.

Grundlage der folgenden Überlegungen sind die Evangelien und im Gegensatz dazu die Briefe des Paulus und schließlich die Offenbarung des Johannes. Wir erfahren, dass die christliche Kirche mit allen ihren späteren Gräueln bereits in den Paulus-Briefen und der Offenbarung angelegt ist.

1. Phase

Im Leben des Jesus von Nazareth gab es offenbar zwei Phasen: die Verkündigungs- und Gemeinschafts-Gründungs-Phase – und die Kreuzigung mit dem Mythos der Auferstehung. Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. In der ersten Phase ging es um Liebe und Bescheidenheit, um Demut vor den Schwachen, um die Anerkennung der Frauen, um Kritik an der Selbstgerechtigkeit und an dem Pomp der theologischen und säkularen Oberschicht. Es ging um die Errichtung eines Gottesreichs mit einer neuen sozialen Moral.

Seine hohen ethischen Anforderungen an die Mitmenschlichkeit forderten den Zeitgeist heftig voraus. Zumal ihm die Massen nachliefen. Die Anforderung, auf Menschen-Unterwerfung, auf Gewalt zu verzichten, und stattdessen Mitmenschen zu lieben, war eine heftigere Bedrohung als wenn er nur als Messias gegen die gegenwärtigen Herrscher aufgetreten wäre. Das hätte dann eine neue Herrschafts‑struktur gegeben, und alles wäre irgendwie beim Alten geblieben.

Er wollte aber überhaupt keine Herrschaftsstruktur.

Dadurch wurde er zu einer fundamentalen Bedrohung gegen die bestehende Ordnung, viel mehr noch als wenn er ein militärischer Führer wie Mohammed gewesen wäre.

2. Phase

Die Katastrophe seiner qualvollen Hinrichtung wird umdefiniert zu einem Triumph, das Kreuz wird zu einem Symbol des Sieges Gottes, und Jesus von Nazareth wird zu Gott.2

Mit Paulus und dem Verfasser der Offenbarung wird die alte Ordnung wiederhergestellt:  Das erste Gebot als zentrale Botschaft, Gott ist ein Mann, Vater und Sohn, gleich zwei Männer, der Heilige Geist zeugt mit Maria, also noch ein Mann. Die heilige Dreimännerheit. Abwertung der Frau und der Geschlechtlichkeit3, schon bald Folter, Mord und Krieg als Mittel der Verbreitung des Christentums. Priester und Fürsten herrschen wie zu Jesu Zeiten. Rom triumphiert. Die Kirchen häufen Schätze, Macht und Pomp an, und sind nicht selten selber Regierende und Krieg Führende.

Erst durch das Kreuz und durch die Erhebung zur Gottes-Facette ist der Mittler Jesus von Nazareth endgültig besiegt worden.

Der Begriff der Erbsünde, des Sündigseins von Anfang an, wird ausgebaut. Nicht der Gott hat die Schöpfung in seiner Verantwortung für die Entstehung des Menschen versaut, vielmehr wird die Kreatur am Versagen des Gottes schuldig gesprochen, und kann sich nur in individueller Arbeit an ihrer Schuld – vielleicht – retten und Gnade finden. So drückt das kirchliche Christentum mit seiner Gottes- und Menschenvorstellung den Menschen in die Defensive, um ihn zu beherrschen. Oder den Schluss zu ziehen, dass es sowieso nicht drauf ankommt. Du Mensch hast sowieso die Arschkarte.

Jesus von Nazareth ist wirklich gründlich besiegt worden. Nein, nicht erst unter Konstantin. Nur wenige Jahre nach seinem Tod!

Woran merkt man das noch? An den Kruzifixen! Nicht der Auferstandene, der Sieger wird in den Kirchen und am bayrischen Wegesrand dargestellt, sondern der Hingerichtete! Die Schande, die Niederlage des Jesus von Nazareth! Nackt und verletzt hängt er da. Und in den katholischen Kirchen: überall die Stationen seiner Demütigung, Folter, totalen Niederlage! Fällt das niemandem auf? Der schändlich Besiegte wird kultiviert, nicht der Sieger! Das Christentum versichert sich der Niederlage des ursprünglichen Jesus von Nazareth in jeder Kirche. Dieses Mannes mit seinen radikalen ethischen Forderungen mitmenschlicher Liebe.

Die Kirchen haben mit den erbärmlichsten Verbrechern zusammen gearbeitet, und dazu sind auch die Fürsten (die »Großen«) jahrhundertelang zu zählen, die ihre Krieger mit Gottes Segen über die Zivilbevölkerung haben herfallen lassen – Beispiele: Bauernaufstand, 30-jähriger Krieg.

Erbärmliche Verbrecher an der Zivilbevölkerung berufen sich auch auf die andere monotheistische Religion: den Islam. Heute. Islamisten, eine psychosoziale Seuche, man könnte meinen, vom Teufel höchstpersönlich erdacht.

Was will der Alltagsmensch – du und ich – von der Religion?

Rituelle Begleitung wichtiger Lebensstationen, schöne Gotteshäuser, Kontakt mit Menschen, die zur gleichen Religion gehören und die gleichen Riten lieben.

Der Alltagsmensch weiß, dass Gott nicht ins Leben eingreift, dass das Schicksal blind auf Gerechte und Ungerechte herunterkommt. Der Mensch will aber in der Not nicht allein sein, in der Not findet er zum Gebet. Im Gebet kann der Mensch auch Dankbarkeit ausdrücken, dass es ihn nun gerade nicht trifft. Wenn der Mensch im Sterben liegt, fühlt er, dass er zu Gott geht. „Näher, mein Gott zu dir.“ Das ist ein ganz unideologisches Gefühl. Im Sinne dieses Artikels ausgedrückt: der Mensch kehrt heim zu »Irgendwas«, und das ist gut so.

Zusammenfassung

In diesem Modell wird davon ausgegangen, dass etwas Unbegreifliches, das „»Irgendwas«“ für das Dasein dieser Welt verantwortlich ist. »Irgendwas« hat es zur Entstehung des Menschen kommen lassen. Gruppen von Menschen sind in der Lage, »Irgendwas« Gesichter und eine Geschichte zu geben. Götter sind von den Menschen abhängig, und Menschen können im Glauben an eine Gottheit sehr, sehr stark werden.

Da verschiedene Gruppen verschiedene Gottheiten entwickeln, entsteht eine unerbittliche Götter-Konkurrenz. Die Gottheit kann ihre Struktur nur halten, wenn genügend Gläubige da sind. Daher sind Götter, vor allem monotheistische Götter, aggressiv und machen ihre Anhänger aggressiv. Gerade zwischen mono­theistischen Religionen kann es daher keine Toleranz geben. Diese Aggressivität wird besonders durch die Mittler, die die Religion unter die Leute gebracht haben oder bringen, erzeugt.

»Irgendwas« schreibt den Menschen nicht vor, wie sie zu leben haben, wohl aber die Götter und die Mittler mit ihren heiligen Schriften.

Keine heiligen sakrosankten Bücher, keine Exklusiv-Rechte für die Kommunikation mit Gott und die Deutung der Welt! Werdet nicht mitschuldig an der negativen Gestaltung eures Gottes! Wer meint, das Recht auf Mord zu haben, weil seine Symbole veralbert werden, gehört in den Knast oder die Psychiatrie!

Wo kann es hingehen mit der Religion? Da Gott durch die Menschengruppen zu seinem Gesicht, seinem Charakter kommt, können die Menschen Gott beeinflussen. Gott und die Menschen beeinflussen sich gegenseitig. Menschen können sich weiter entwickeln, Gott kann sich weiter entwickeln.

Das Leben ist unsicher, bedrohlich, oft schwer, das gilt für alle Lebewesen. Wir wollen einen Gott, der da ist, uns zuhört, uns unaufdringlich Halt gibt. Er soll die Menschheit friedlich und bescheiden wünschen, dankbar für das Gute, das ihnen widerfährt und geduldig im Leid. Er unterstützt die Menschen in dem Bedürfnis, das Gute für andere zu wollen und zusammenzuhalten, bei allen Unterschieden. Weil die Menschen das so wollen. Dann hat »Irgendwas« einen Sinn.

© Uwe Wiest, Delmenhorst, Oktober 2012, überarbeitet im Oktober 2013 und 2014.



1»Irgendwas« steht für das Göttliche, das wir nicht verstehen und erkennen können und das allgegenwärtig ist.
Als ich den Artikel geschrieben habe, wusste ich noch nichts von Meister Eckart. Der hat das schon vor Jahrhunderten gesagt, wenn auch in einer Sprache, die für den modernen Menschen schwer verständlich ist.

2Die „Tatort“-Geschichte des Verfassers: Die Auferstehung lässt sich leicht profan erklären: Pilatus wollte Jesus eine gehörige Lektion erteilen, aber nicht die jüdische Oberschicht triumphieren lassen. Deshalb wurde Jesus nach drei Stunden vom Kreuz genommen, er lebte noch, seine Anhänger haben ihn aus dem Grab geholt, mit Hilfe oder Billigung der Römer, er wurde gesund gepflegt und ist nach einigen Wochen seines Weges gegangen, um die Legendenbildung nicht zu stören.

3Es gibt eine Ausnahme, an die man sich so gewöhnt hat, dass sie nicht bemerkt wird. Die evangelisch-lutherische Kirche in Deutschland. Hatte noch Martin Luther in seinem bekannten Lied „Ein feste Burg ...“ seine Wertehierarchie aufgezählt: „nehmen sie den Leib, Gut Ehr, Kind und Weib ...“, so hat die evangelische Kirche längst weibliche Pastoren, Hochschulgelehrtinnen und auch schon mal eine Bischöfin. In dieser Religionsgemeinschaft ist auch eine hohe Toleranz hinsichtlich der religiösen Meinungen festzustellen.