Glauben kann Irrtum sein. Glaube kann tödlich sein!

Religion gehört zum Menschen, der Glaube an eine Himmelswelt, die auf Menschen einwirkt und mit diesen verbunden ist, gehört zu jeder Kultur. Religion ist eine menschliche Eigenschaft. Sie hat in der vorwissenschaftlichen Zeit zu großen kulturellen Leistungen geführt: zur Errichtung sakraler Gebäude, zur Entwicklung darstellender Kunst, zur Musik. Jede kleine Menschengemeinschaft hatte ihre Religion, die Hochkulturen allemal.

Allerdings führt die Religion unter bestimmten und leider häufigen Voraussetzungen auch zur Vernichtung von Kultur und Menschen: immer noch.

Religionen sind gefährlich und menschenfeindlich, wenn sie einen Allgemeingültigkeitsanspruch vertreten. Dazu gehören alle monotheistischen Religionen mit Gottessöhnen und direkt von einem allmächtigen Gott inspirierten Propheten. Solche Religionen behaupten unbeweisbar und aggressiv, dass sie zu Gott einen direkten Draht haben, Schriftwerke besitzen, die Gottes Wort enthalten, vom ersten bis zum letzten Buchstaben, unveränderlich, nicht auslegbar – und dass alle, die das nicht glauben und ablehnen, Ungläubige sind, die man aus das Härteste zur Rechenschaft ziehen muss, gleich oder „am jüngsten Tag“.

Religionen nach dieser Definition bezeichnen Gläubige anderer Religionen als Götzenanbeter, lehnen deren Kultur ab und verwenden ihre frei erfundene Legitimation zu Verbrechen und Terror aller Art. Die Geschichte ist voll davon.

Es ist absurd, wenn die Vertreter solcher Religionen einen solchen Absolutheitsanspruch auf das Verständnis der Welt, Moral und Gesetz haben, und Religionsfreiheit verlangen. Ich bin der entschiedenen Auffassung, dass es im Sinne der Menschlichkeit keine bedingungslose Religionsfreiheit geben darf, und dass jeder politische Einfluss missionierender monotheistischer Religionen in Rechtsstaaten unterbunden werden muss.

Religionsausübung darf nur von solchen religiösen Gemeinschaften toleriert werden, die sich klar zur Subjektivität ihrer Ansichten bekennen und bereit sind, die Möglichkeit ihres Irrtums vorbehaltlos einzuräumen.

So gibt zum Beispiel das Bekennen des ersten mosaischen und christlichen Gebots zu allergrößtem Argwohn Anlass.

Man kann sich nicht zu einem Gebot bekennen, das das Anbeten anderer Götter zu einem göttlichen Strafbestand erklärt und gleichzeitig die Freiheit der Religionsausübung fordern. Das erste Gebot ist Grundlage und Legitimation für irrationale Herrschaft über andere, Hass, Drangsalierung, Folter, Mord, Vernichtung anderer Menschen und Kulturen. Es nutzt ja noch nicht einmal etwas, wenn Menschen nominell sich zum selben Gott bekennen, wie man an den sogenannten Ketzerverfolgungen des Christentums und den heutigen schiitischen und sunnitischen Hetzern ersehen kann, die Leute umbringen oder umbringen lassen, die denselben Gott anbeten.

Es muss auch in einem Rechtsstaat klar sein: Atheismus ist kein religiöses Bekenntnis unter mehreren, Atheismus als Ablehnung des Glaubens an einen persönlichen Gott ist rationale Vernunft. Es gibt keinerlei Beweise für einen persönlichen Gott, der sich für Menschen interessiert und in ihr Leben eingreift. Offenbarungen, Gebetserhörungen? Das sind subjektive Erfahrungen, auf dem Niveau jeden Aberglaubens. Jeder kann abergläubisch sein, aber nicht meinen, Aberglaube sei der rationalen und skeptischen Vernunft gegenüber gleichrangig und schon gar nicht, andere müssten das übernehmen. Rationalität ist natürlich keine Welterklärung. Im Gegenteil, der Verzicht auf dogmatischen Glauben bedeutet, die Unsicherheit des begrenzten menschlichen Verstehens auszuhalten. Vielleicht haben wir in zwanzig Jahren zum Beispiel ein grundlegend anderes Verständnis vom Universum, wer weiß schon, was da noch alles entdeckt und herausgefunden wird – wenn die Weltgeschichte uns nicht wieder in religiöse Umnachtung fallen lässt.

Es kann keinen Rechtsstaat geben, in dem auf die Bibel oder den Koran geschworen wird. Das ist Büchergötzendienst. Die USA wird den Terrorismus nicht besiegen, weil sie selber auf ein Buch schwört, das voller sadistischer Phantasien und Anordnungen ist, wie mit Ungläubigen verfahren werden soll. Die USA ist tendenziell selber eine Art Gottesstaat.

Natürlich gibt es friedliebende religiöse Menschen, die zu differenzieren wissen, und die etwa Menschenfreundliches aus ihrer Religion machen. Das sind Menschen, die ihre Religion leben und die zum Teil aus ihrem Bekenntnis eine starke Motivation für hingebungsvolles soziales Verhalten ziehen. Sie lassen andere Menschen, die das religöse Bekenntnis nicht teilen, in Ruhe.

Ich habe mir in meiner Jugend diesen aggressiven Quatsch vom breiten Weg in die Hölle und dem schmalen Weg für die Gläubigen direkt ins Paradies anhören müssen, ich habe mich umgesehen, und gedacht, ich bin von unfrommen Menschen umgeben, die nichts glauben oder den breiten Weg gehen, das heißt, der Religion höchstens ein paar kleine Prozent in ihrem Leben einräumen, und die sollen also alle in die Hölle fahren. Was für eine Machtgier, was für eine Eitelkeit im Namen eines Gottes, ihres Gottes, was für eine Menschenverachtung.

Ich habe mir diese christliche Sündenlehre anhören müssen, und nie verstanden, weil sie nicht zu verstehen ist:

Der Mensch leidet und ist sterblich, weil er Gott nicht gehorcht hat? Jeder sieht, dass alle Wesen leiden und sterblich sind, von den Einzellern abgesehen, die aber auch nicht unverwundbar sind. Und dann kommt „Gottes Sohn“ und befreit die Menschen von der Sünde, aber nur wenn sie an ihn glauben. Nach dieser Geschichte mit Jesus von Nazareth hat sich im menschlichen Zusammenleben nichts zum Positiven gewendet. Geschickt wird die Wirkung des Glaubens in eine jenseitige Welt verschoben, die natürlich auch nicht beweisbar ist. Aber warum macht der christliche Gott so einen komplizierten Zinnober? Eine verkorkste Schöpfung, die dann in ferner Zeit runderneuert wird? Mal abgesehen davon, dass Kirchen einstürzen, fromme Menschen krank oder von Fluten ersäuft werden, raffgierigen Menschenfeinden geht es prima usw. usw. und die Gläubigen bleiben über jeden Zweifel an ihren Geschichten erhaben. Die christliche Theologie erklärt einfach gar nichts, und es stört die Gläubigen nicht, sie bleiben von realen Erfahrungen unangefochten.

Menschen, die so lange beten, bis sie irgendwann erhört werden, sitzen einem statistischen Artefakt auf. Je länger ich etwas Bestimmtes tue, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit eines zufällig bestätigenden Ereignisses. Mit anderen Worten: es wäre sowieso geschehen. Und wenn man nicht erhört wird, dann ist es eben der unerforschliche Wille Gottes. Religionen beweisen nichts, aber haben für jeden Anlass einen Spruch: nicht sehen und doch glauben zum Beispiel.

Der größte Beweis für die Nichtexistenz eines persönlichen Gottes, der die Guten unterstützt und die Bösen bestraft, sind die Religionsvertreter selbst und die Kasten, die hochwohlgeboren von Gottes Gnaden waren und sind. Sie verhielten und verhalten sich in großer Zahl gegenüber ihrem Gott absolut furchtlos, wissen sie doch, dass ihnen keinerlei Konsequenz für ihr mieses Verhalten gegenüber anderen Menschen droht. Sie sind tätige Atheisten, deshalb sind sie auch so wütend auf bekennende Atheisten, weil die ihnen den Machtanspruch infrage stellen.

Ob ich an Gott glaube? Ich glaube, dass Sie das nichts angeht. Ich weiß es auch gar nicht so genau. Auf jeden Fall habe ich Sehnsucht nach Sinn, nach Geborgenheit, Gemeinschaft und Zuwendung, und ich möchte keine existenzielle Angst haben. Ich möchte das, was ich falsch gemacht habe, künftig besser machen und hoffen, dass andere mir verzeihen. Ich möchte Rituale und nicht allein sein, wenn ich in einem tiefen Tal gelandet bin. Ich möchte den Tod als Freund sehen, wenn es so weit ist. Das muss doch ohne religiöse Phantasieprodukte gehen!

Stand: 22.07.13