Uwe Wiest: Sehen und Glauben

Stand Januar 2013

Begreifen

Der Mensch lernt in den ersten Lebensjahren, die Welt zu begreifen, in der sich die Menschen bewegen. Die Menschen begreifen das, was ihr Nervensystem in Kombinationen mit den Sinnesorganen zulässt.

Der Säugling erkennt sehr schnell Gesichter. Sein Mund dient zur Nahrungsaufnahme und als erstes wichtigstes Tastinstrument. Er nimmt alles in den Mund, um es zu erkunden. Später entdeckt er die Möglichkeiten seiner Hände. Alles wird angefasst, geprüft, ertastet.

Das ist das ursprüngliche Begreifen.

Bald lernt er, dass bestimmte Lautgestalten zu Gegenständen zugeordnet werden können. Nicht nur zu Gegenständen, auch Zustände, zum Beispiel Gefühle, werden lautlich zugeordnet und ausgedrückt. So lernt das Kind, auch die Sprache, das sprachliche Denken, zum Begreifen zu nutzen.

Der ausgewachsene Mensch begreift nicht mehr alles (!). Er glaubt zu wissen, wie sich Gegenstände, die er nicht anfassen kann, weil sie zu weit weg sind und sonst für ihn nicht zu erreichen sind, anfühlen. Durch Beobachtung lernt er auch, abstraktere Komplexe, die einen Namen haben, so zu verstehen, also im übertragenen Sinne zu begreifen, so dass er sich mit anderen Menschen austauschen kann. Stadt, Angst, Glück, Wald, Gefahr, Träume, Ziele, Telefon usw. Wir assoziieren mit solchen Begriffen (da ist es wieder) Bilder, Gefühle, Gedanken.

Ein solches Begreifen im übertragenen Sinne erleichtert die Kommunikation ungemein. Wir könnten uns sonst gar nicht unterhalten, wir müssten immer wieder ganz von vorn anfangen.

Dabei vergessen die Menschen, dass sie ohne die gelernten Begriffe die Welt gar nicht erkennen könnten. Wenn ich einen Stuhl ansehe oder einen Nagel, dann sehe ich sofort einen Stuhl und einen Nagel. Ich verbinde damit nicht nur einen Gegenstand, sondern auch dessen Verwendungszweck. Das geht vollautomatisch.

Die menschliche Welt erkennen wir nur in den seltensten Fällen durch Begreifen im Sinne von Anfassen oder in-den-Mund-Nehmen. Wir erkennen sie, weil wir uns mit den anderen Menschen geeinigt haben, die Welt so zu sehen.

Gibt es unabhängig von diesen Einigungen eine reale Welt? Wie soll man diese Frage entscheiden? Wir können ohne unsere Körperfunktionen nichts wahrnehmen. Für uns gibt es nur die eine, die menschliche Welt.

Wir wissen mittlerweile durch unsere wahrnehmungs-erweiternden Hilfmittel, dass Tiere manches wahrnehmen können, was die Menschen nicht sehen. Und umgekehrt. Mit diesen Mitteln haben wir allerdings eine einzigartige Leistung vollbracht: unseren Wahrnehmungsrahmen erheblich zu erweitern. Wir haben Unbegreifliches zwar nicht begreifbar, so doch nachweisbar gemacht.

Wir können natürlich die Erfahrung machen, dass es jedes Mal ohne Ausnahme, weh tut, sich auf einen Nagel zu setzen oder eine heiße Bratpfanne anzufassen. „heiß“ oder „spitz“ schützt uns vor Verletzungen. In diesem Falle haben wir ja die Möglichkeit, eine richtige Sinneserfahrung zu machen und den Begriff zu bestätigen. Für viele Dinge gilt das aber nicht, die wir ebenfalls selbstverständlich finden. Diese Dinge überwiegen. Wir hören von Ländern, die wir nie besucht haben, Planeten, die wir nie gesehen haben, wir lesen von Menschen, die längst tot sind, die wir nicht mehr begucken und anfassen können. Die Physiker erzählen uns von Atomen und Wellen und Quanten, die Astronomen von Schwarzen Löchern. Durch Mikroskope und Nano-Mikrosokope, Fernrohre, Spektralanalysen, Radioteleskope, verschiedenartige Experimente, durch die Analyse von Gesteinsproben und Fossilien, durch mathematische Berechnungen, durch ein Fahrzeug auf dem Mars, erweitern wir unsere Möglichkeit, die Welt zu begreifen. Theorien und Experimente wechseln sich ab. Doch je wahrnehmungsfremder die Erkenntnisse sind, desto mehr sprechen wir in Gleichnissen, weil die Sprache nichts anderes kann. Wir stellen den Bezug zu unserem alltäglichen Menschenraum her.

Nehmen wir die Schwarzen Löcher. Was ist ein Loch? Ein Loch ist etwas umgrenzt Fehlendes. In der Socke oder anderen Textilien. In der Straße. Im Topf. Kann der Weltraum ein Loch haben? Nun, die Astronomen wissen was gemeint ist, sie haben sich darauf geeinigt, gewisse Phänomene so zu benennen, und sie können sich darüber unterhalten, ohne sich diese Phänomene stets aufs Neue zu erklären.

Nach dem Stand der heutigen Wissenschaft gilt vieles als geklärt, was wir nicht mehr begreifen können.

Allerdings haben wir Standards in den Wissenschaften. Konzepte und Erklärungen sollen einfach sein, mit wenigen Zusatzaufnahmen auskommen. Sie sollen für alle, die das wollen, nachvollziehbar sein. Darum wird immer wieder gerungen.

Sprung.

Was ist mit Gott?

Existiert Gott? Viele Menschen haben sich darauf geeinigt, dass es Gott gibt. Weniger, aber immer noch sehr viele, haben sich darauf geeinigt, dass Gott bestimmte Eigenschaften hat, eine Heilsgeschichte, dass er Mittlern heilige Bücher diktiert hat. Heilige Bücher, deren Inhalt man nicht anzweifeln darf, weil das Gott beleidigt. Persönliche Götter wollen zudem gelobt und umschmeichelt werden. Dafür haben ihre Mittler Rituale vorgeschrieben. Wenn Gott genügend gelobt wird, ist er – unter Umständen - bereit, freundlich zu seinen Gläubigen zu sein. Wenn nicht, kann er ausgesprochen sauer werden.

Aus der Lernpsychologie wissen wir: Verhalten, das gelegentlich mit einer positiven Konsequenz beantwortet wird, meistens aber nicht, tritt wesentlich häufiger auf als bei regelmäßiger Belohnung. Dadurch ist der Mensch anfällig für zufällige positive Wirkungen seines Handelns. Das ist ein starker Motor für Gebete und Lobpreisungen.

Es würde die allerdings Angelegenheit der Anerkennung Gottes durch alle Menschen erheblich erleichtern, wenn die Wirkung Gottes klar auf der Hand läge, sozusagen ein Gott zum Anfassen, ein sichtbarer, ein begreifbarer Gott, ein Gott, der unstrittig und für alle erreichbar mit Menschen kommuniziert. Der sichtbar agiert und reagiert. Der Wirkung zeigt, eindeutig, nicht nur in den Phantasien von Gläubigen. Wie der Nagel oder die heiße Bratpfanne. Das ist nicht der Fall. Wie für vieles gibt es dafür im neuen Testament eine Anweisung. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Je mehr wischiwaschi, desto edler.

So beschreiben Menschengruppen diese Dinge unterschiedlich und zum Teil miteinander nicht vereinbar. Dadurch existieren mehrere Götter, die jeder für sich den Alleinvertretungsanspruch haben. Das bedeutet aber, dass die Gläubigen um die Existenz ihrer Götter kämpfen müssen. Dieser Kampf wird, so steht es in den Heiligen Büchern, außerdem bis an das Ende aller Tage fortgesetzt und dort vollendet: Jüngstes Gericht, Feuriger Pfuhl, in dem die Ungläubigen umkommen oder in Ewigkeit gequält werden. Denn um die Existenz eines Gottes zu bewahren, muss Druck aufgebaut, die Zahl der Gläubigen vermehrt, und der Ungläubigen vermindert werden. Koste es was es wolle. Das ist das Hauptziel der Religionen. Nicht der Frieden oder die Achtung aller Menschen. Man darf sich das auf der Zunge zergehen lassen: die Ungläubigen sind wir, die eine bestimmte Glaubensrichtung nicht anerkennen. Uns folgen die guten/bösen Wünsche der Rechtgläubigen auf Schritt und Tritt bis zum jüngsten Tag.

Das Konzept Gott ist ein schwaches Konzept, und das ist leider überhaupt kein Vorteil. Ich begreife das nicht.

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