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Die Krux1 mit der Verneinung. Nicht- und A-, Un- und -los

Die Sprache sorgt dafür, dass nicht der Theismus, sondern die Freiheit vom Theismus als Problem definiert wird.
Als Atheismus.

Das ist nicht einfach eine sprachliche Spitzfindigkeit. Begriffe enthalten immer eine emotionale und soziale Wertung, je nachdem wie sie gebraucht werden.

Menschen können mit einer Bezeichnung markiert werden, die das Fehlen einer Eigenschaft ausmacht. Das geht dann so weit, dass sie sich selber so markieren.

Damit wird suggeriert: Wem eine Eigenschaft fehlt, dem fehlt etwas, der ist unvollkommener als jemand, der diese Eigenschaft hat. Oder unnormaler.

Ein gutes Beispiel ist der Nichtraucher. Menschen, die nicht rauchen, denen also die Eigenschaft fehlt, nikotinsüchtig zu sein, wurden in öffentlichen Verkehrsmitteln entsprechend gekennzeichnet. Es sind eben Nichtraucher.

Dabei ist die Freiheit von Sucht, in diesem Falle von Nikotin, eine positive Eigenschaft. Aber das Begriffspaar Raucher-Nichtraucher suggeriert, dass nicht der Raucher, sondern der Gesunde einen Mangel hat. Ihm fehlt die Zigarette.

Um die Unsinnigkeit solcher Begriffszuordnungen zu verdeutlichen, konstruieren wir einfach mal ein paar Nichts.

Nicht-Mörder,

Nicht-Lügner,

Nicht-Vorbestrafter,

Nicht-Kranker,

Nicht-Bettler,

oder: etwas zartfühlender:

Nicht-Banker

Nicht-Lehrer

Nicht-Psychologe

Nicht-Handwerker

Nicht-Redner

usw.

Niemand kommt auf die Idee, sich so ein Etikett zu geben. Es kann erfreulich oder zumindest neutral sein, wenn einem eine Eigenschaft fehlt. Das gilt für alle Verneinungen als Beginn eines Wortes: Nicht-, A-, Un-, oder das hintangestellte -los.

A-Theist. Gott-los.

Der Atheist, die Atheistin wird von Theisten als eine Person definiert, die Gott nicht wahr haben will. Ein Gottesleugner, eine Gottesleugnerin. Der Begriff Atheist suggeriert, dass einem etwas fehlt, oder dass man ein Gegner ist. Ein Gegner von Gott. Ein Mensch, die oder der gegen das erste Gebot verstößt. Das erste von den zehn Geboten, die die meisten Menschen als moralisch höchstwertig ansehen.

Noch immer gilt bei vielen: Atheisten seien gottlos. Das schmeckt nach Unzucht, Völlerei, Verbrechen. Ohne Glauben an Gott oder die Götter werde der Mensch zum Monster. Nur Theisten seien ganz lieb. Schon immer und heutzutage ganz besonders.

In nicht wenigen Ländern muss man mit Verfolgung rechnen, wenn man sich als Atheist bekennt. In der Geschichte war das sehr oft so. Kritik an der mentalen Selbstbeschränkung im Rahmen der Religion galt und gilt als Beleidigung, als Verbrechen.

Wir wollen nun an dieser Stelle den Theisten, die Theistin ins Rampenlicht holen, um zu belegen, dass sich niemand, der nicht an Gott glaubt, den Verneinungsbegriff umhängen sollte. Höchstens als Markierung von Zug-Abteilen:

Man stelle sich einen Zug mit Waggons für Theisten und Atheisten vor! Im Theisten-Abteil sitzen sie da mit ihrer Bibel, ihrem Koran, ihrem Talmud und anderen heiligen Büchern, drehen Rosenkränze, murmeln vor sich her, bei längeren Zugfahren fallen gläubige Männer im Abteil auf die Knie. Och nö, da fahre ich lieber im Atheisten-Abteil, die habe ich meine Ruhe. So wie manche Raucher lieber bei den Nichtrauchern saßen, da stank es nicht und man hatte die bessere Sicht.2

Theisten sind Leute, die an eine ausgedachte Figur oder an mehrere davon glauben. Die Angehörigen einer theistischen Religion halten den Gott oder die Götter für wahr. Diese angebliche Wahrheit muss nicht bewiesen werden, da an sie seit hunderten, tausenden von Jahren geglaubt wird. Manchmal wechseln auch die Gottheiten im Laufe der Geschichte, sie wechseln auch von Region zu Region, aber der Gottesglaube ist etwas Selbstverständliches. Hunderte von Millionen von Menschen sind anscheinend der Beweis, dass der Gottesglaube eine wahre Grundlage hat. (Gruppenleistung vom Typus des Bestimmens: Wahr ist, was eine Mehrheit als wahr ansieht, nicht das, was wahr ist).

Theisten glauben an ihren jeweiligen Gott und außerdem ein von Gott gegebenes Regelwerk, wie man zu leben hat, und was man auf keinen Fall tun darf. Ein von Gott gegebenes Regelwerk darf von Menschen nicht diskutiert und infrage gestellt werden! Darum sind Theisten in Konkurrenz zur sogenannten weltlichen Gesetzgebung. Fataler Weise haben Theisten verschiedener Glaubensgemeinschaften verschiedene von Gottt gegebene Regelwerke, was hier und da zu Mord und Totschlag führt.

Die Bezeichnung Theist wird gar nicht erst verwendet, weil es normal und gut zu sein scheint, an Gott zu glauben. Die meisten glauben an einen Gott, vielleicht nicht alle so richtig an den ihrer Religion, aber irgendwie schon.

Mein Schreibprogramm möchte übrigens die Begriffe Theist oder Theismus durch Atheist und Atheismus ersetzen. Na gut, das ist noch kein Anlass für eine Verschwörungstheorie.

Eins lässt sich mit Sicherheit sagen: es gibt es keinen Gott, keinen Gotteshimmel, keine Teufels-Hölle, außer in der Phantasie von Menschen. Es gibt schon gar keinen persönlichen Gott mit menschlicher Gestalt, der die Welt erschaffen hat und der in das Schicksal von Menschen in einer sinnvollen nachvollziehbaren Weise eingreift und am Ende der Zeiten Gericht hält.

Kirchen stürzen ein, arme Leute saufen ab, Bösewichter kommen davon, der Ostersegen des Papstes verregnet, die Friedenstaube fliegt nicht los, ein Kran fällt auf Mekka-Pilger. Auch Theisten, selbst religiöse Würdenträger aller Art, werden krank wie andere auch. Hände Waschen ist besser als Beten.

Der Theismus ist längst widerlegt und als Märchenstunde abgetan, aber die Kirchen, Moscheen, Tempel, Synagogen behaupten ihre Sichtweisen, denn sonst haben sie keine Geschäftsgrundlage mehr. Und: wer nicht glaubt und Beweise verlangt, wird mit einfältigen und durchsichtigen Bibelsprüchen abgespeist. (Stichworte: der ungläubige Thomas: nicht sehen und doch glauben, Vertreibung aus dem Paradies wegen Naschens vom Baum der Erkenntnis).

Die Theisten sind abergläubische Menschen, die sich weigern, zu denken, die sich nicht informieren oder sich die Dinge so hindrehen, dass der neue Wein in die alten Schläuche passt (das ist übrigens eine Redensart aus dem Neuen Testament!). Theismus hat außerdem viele soziale Vorteile, auf die Theisten nicht gern verzichten. Sexuelle Freiheit der Männer, Unterordnung der Frauen als Rundherum-Dienstboten, zum Teil sogar das Recht von Männern, Frauen und Kinder zu prügeln. Je orthodoxer, umso ausgeprägter. Je laxer der Theismus gehandhabt wird, umso mehr gleiche Rechte für Frau und Mann.

Die deutschen Lutheraner haben die Kurve diesbezüglich modern hinbekommen. Wo gibt es sonst weibliche Geistliche? Aber die alten Bekenntnisse und Rituale werden beibehalten. Hm, vielleicht ist das Klugheit? Eine Art „Des Kaisers neue Kleider“?

„Da rief plötzlich das ganze Volk: "Aber er hat ja gar nichts an!" Der Kaiser war zutiefst erschreckt, denn er spürte, dass es wohl die Wahrheit sein musste. "Nun", dachte sich der Kaiser, "es ist geschehen und ich muss jetzt Haltung und Würde bewahren." So trugen die Kammerherren auch weiterhin die unsichtbare Mantelschleppe, bis das Fest zu Ende war.“ Jeden Sonntag wieder. Immer die alten schönen Lieder.

Zusammenfassung:

Ich bin kein Atheist. Vielmehr bin ich kein Theist.

Ich gehöre nicht zur Gruppe der Atheisten. Vielmehr gehöre ich keiner Theisten-Gruppe an. Ich glaube nicht, dass es keinen Gott gibt. Natürlich gibt es Gott. In der Phantasie der Gläubigen und nur da.

© Uwe Wiest, Delmenhorst im August 2017

1Krux passt gut zum religiösen Thema.

2Ein Theisten-Abteil wird sich nicht durchsetzen, zu viele Sach- und Personenschäden