Was ist Lesen?

Was kann ein geübter Leser?

Er kann Wörter, Satzteile und sogar Sätze automatisiert erkennen und den Sinn entnehmen. Die Informationsentnahme gelingt schneller als das Verstehen von Gehörtem.

Bei unbekannten Schriftbildern sucht der geübte Leser intuitiv nach Ähnlichkeiten mit anderen. Er prüft, wie das Schriftbild, wenn es gesprochen wird, klingt, er sucht nach Ähnlichkeiten von Teileinheiten: Silben, Anfangs-Buchstaben, Buchstabengruppierungen.

Abbildung. 1

Das Lesen ist eine Gesamtleistung, einzelne Komponenten ordnen sich organisch unter und sind nicht mehr einzeln zu erkennen.

Vergleichbar ist die Leseleistung in der entwickelten Form mit dem Gehen: auch das Gehen kann man theoretisch in Einzelkomponenten der Bewegung und der Beteiligung von Nervensystem und Körperteilen zerlegen, nur macht das bei der endgültigen Ausprägung der Fähigkeit keinen Sinn mehr.

Worin besteht der Prozess des Lesens ursprünglich?

Lesen ist das Übertragen visuell wahrnehmbarer Symbole (Schriftzeichen) in akustische Symbole. Diese werden dann als Inhalte erkannt, wie auch anderes Gehörtes. Daher lässt man das Lesen lernende Kind auch laut lesen, damit es zunächst die Übertragung ins Akustische vornimmt, um dann sozusagen sich selber zuhörend die Bedeutung zu erkennen.

Später bewegt das Kind beim Lesen leise die Lippen, schließlich wird das Übersetzen ins Akustische internalisiert, ist also nicht mehr sichtbar. Den geübten Leser springt die Bedeutung des Geschriebene sozusagen an, der Zwischenschritt des Akustischen ist für ihn oder sie selbst nicht mehr zu erkennen.

Wörter werden im Prinzip auf zweierlei Arten gelesen:

durch das Verbinden von Elementen, die nacheinander vom Visuellen ins Akustische übertragen werden (Phoneme in Grapheme,).

Abbildung. 2

Bei diesem Lesevorgang entsteht aus der Buchstaben- oder Silbenfolge eine Lautfolge. Diese ist noch nicht mit einem Wort identisch, wenn dieses aus der akustischen Wiedergabe noch nicht erkannt wird. Beispiel: „Gaarteeeen, ach ja, Garten“. Aus den visuellen Zeichen kann man ohne Kenntnis des ganzen Wortes kein hörbares Wort treffsicher konstruieren, weil die Übereinstimmung zwischen visuell Wahrnehmbarem und dem Akustischen nicht perfekt ist. Dies gelingt erst, wenn die Leserin oder der Leser auch das ganze geschriebene Wort akustisch reproduzieren kann. Sie oder er erliest also außerdem

durch das Verbinden des gesamten Wort-Schriftbildes mit dem hörbaren Wort

Abbildung. 3

Beides, das Decodieren-Können von visuellen Einzelzeichen oder Zeichen-Untergruppen und zusätzlich das Decodieren-Können ganzer Wort-Schriftbilder zu hörbaren Wörtern macht die Sicherheit des Lesens aus.

Die dritte Komponente des Sicher-Werdens im Lesen ist

der gesamte Satz .

Nicht nur das einzelne Wort muss Sinn machen, sondern die Wörter, die durch die Grammatik zu einem sinnvollen Satz zusammengefügt sind. Da es im Prinzip unendlich viele Sätze gibt, können sich Sätze nicht mehr als direkte Übertragung des Geschriebenen in das Gehörte erschließen. Die Bedeutung des Satzes wird dem Nacheinander der akustisch wiedergegebenen Wörter entnommen. Wenn der Leser die Bedeutung des Satzes durch das sich selber beim Lesen Zuhören erfasst, erkennt er, ob er die Wörter richtig erlesen hat. Hat er ihn inhaltlich nicht erfasst, liegt das entweder an einem Wort-Lesefehler, oder daran, dass er den Text inhaltlich nicht verstanden hat, zum Beispiel durch seinen begrenzten Wortschatz, der für den Text nicht ausreicht.

Letzteres kann das Kind bei Texten, die für seine Altersstufe angemessen sind, weitgehend ausschließen.

Bei der Erfassung der Leseleistung von Kindern mit nicht-deutscher Erstsprache ist das anders, diese können ihre Leseleistung nicht treffsicher über die Satz-Bedeutung kontrollieren, wenn ihre deutschen Sprachkenntnisse gering sind.

»Was ist lesen?« grafisch dargestellt.

© Dr. Uwe Wiest, Delmenhorst 2005