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Ent-Täuschung

Enttäuschung. Das zieht einen so richtig runter. Nicht erfüllte Hoffnungen. Enttäuschung, das ist negativ. Menschen haben sich nicht so verhalten wie man das von ihnen erwartet hätte. Im Beruf ist es anders gelaufen, plötzlich befindet man sich in einer Sackgasse. Man hat Geld angelegt, und die wirtschaftliche Entwicklung führte dazu, dass man Verluste gemacht hat. Die oder der Liebste zerschneidet plötzlich das Tischtuch. Oh, das macht einen so fertig. Fertig? Ja, Fertig im Sinne von vollständig.
Dabei ist Ent-Täuschung im wahrsten Sinne des Wortes etwas Positives: Bisher ist man einer Täuschung aufgesessen. Die eigene Wahrnehmung war verzerrt. Man hat zu wenig Informationen über Personen, Strukturen, Lebensumstände gehabt. Und - man hat sich selber mal wieder zu wenig gekannt. Das ist so als hätte man eine neue Brille bekommen. Oder ein Hörgerät. Man hört die Vögel wieder singen. Man sieht im Spiegel wie viel Falten man um die Augen hat.

Das Gegenteil von Ent-Täuschung ist: man hat sich etwas vorgemacht. Die Liebste erschien einem strahlend schön, und man war eins mit ihr. Der Liebhaber: verliebt in das Bild, das er sich von ihr gemacht hat. Das macht wütend, wenn sich herausstellt: das war sie gar nicht. Und das war auch er gar nicht. Verliebte arbeiten heftig an einem Bild. Wenn sich das so gar nicht mit der Wirklichkeit deckt, dann ist die Ent-Täuschung auf die Dauer nur gut. Emotional ist das hart: aus den erhabenen Gefühlen wird - Aufwachen. Ernüchterung.

Man hat geglaubt, die Kollegen halten einen für die große Kanone. Jetzt zeigt sich, dass man für ziemlich durchschnittlich oder sogar entbehrlich gehalten wird und keineswegs zu Höherem berufen. (Geschlecht natürlich austauschbar).

Wenn man sich ein bisschen was vormacht, ist das im Alltag oft hilfreich, man läuft einfach selbstbewusster herum und versucht, den Alltag an das ideal anzupassen. Aber das kann auch zu fatalen Fehleinschätzungen führen, die irgendwann in eine Krise münden. Die Krise - das ist Ent-Täuschung. Ent-Täuschung ist Realismus. Wenn man das wahre Wesen der Enttäuschung erst einmal erkannt hat, ist man nicht mehr so sehr auf andere Leute oder die widrigen Umstände wütend, sondern man fasst sich an die eigene Nase. "Wie konnte ich nur so leichtgläubig sein." - "Wie konnte ich nur diese Anzeichen übersehen, überhören."

Worüber ist man enttäuscht? Über das Ergebnis. Partnerin hat einen anderen oder einfach die Nase voll von ihm. Man ist einer der ersten, der entlassen wird, wenn die Firma in Schwierigkeiten kommt.

Man war nicht der tolle Partner, der fähige Mitarbeiter, das Finanzgenie. Die Enttäuschung macht es möglich, über die negativen Gefühle hinaus die Situation neu zu bedenken, zu analysieren.

(Ich habe mal gelernt: sag' ich statt man. Bitte schön, kann jede(r) machen.)

Täuschungen kommen oft daher, dass man die Realität keiner Überprüfung mehr unterzieht. Man versucht nicht mehr herauszufinden, ob die Partnerin, die Kollegen, die Freunde, die eigenen Kinder, mit einem zufrieden sind, gern mit einem zusammen sind. Man übersieht Signale, dass man anderen auf den Wecker fällt oder als rücksichtslos, unsensibel gilt. Man tritt anderen auf die Füße und merkt es nicht, kommt gar nicht auf die Idee.
Gut, man kann auch nicht dauernd alles infrage stellen. Dann kann man schließlich nicht mehr handeln. Wenn man aber an der eigenen Unfehlbarkeit und Gloriosität festhält und sauer auf andere ist,  sieht man nur, dass die anderen nicht so sind wie angenommen, man ordnet sie als undankbar, rücksichtslos ein. Von anderen enttäuscht, aber nicht wirklich ent-täuscht. Über mich selber täusche ich mich noch immer.

Eine Lösung ist: einfach weitermachen. Wie der chinesische Kaiser mit den Kleidern, die gar keine waren.

Jede Person hat ihre spezielle Krise -
und ihr besonderes Entwicklungsziel.

Das Enneagramm.