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Uwe Wiest © 2017, Delmenhorst

Bildungspolitik, pädagogisch-ideologische Moden und was für die Kinder und Jugendlichen dabei herauskommt.

Am Beispiel der Stadt Bremen.

Zur Lage:

Bis in die siebziger Jahre gab es in Bremen ein Sonderschul-System. Es gab Haupt-, Realschulen, Gymnasien und eben die Sonderschulen. Die Sonderschulen (später – das ist auch so eine Sprach-Mode, die mehr verschleiert als dass sie nützt – Förderzentren) waren hinsichtlich ihrer Aufnahmekriterien klar definiert.

Das war natürlich überhaupt kein inklusives Schulsystem. Man konnte sitzenbleiben, man kam in eine andere Schulart, nicht unbedingt freiwillig. Aber: es war ein angepasstes, gut ausgestattetes System. Für Zweifelsfälle gab es außerdem die Möglichkeit der Diagnose und Vermittlung durch den schulpsychologischen Beratungsdienst.

Das wichtigste Beispiel: in die Sonderschule für Lernbehinderte kamen nur Kinder mit einer Lernbehinderung. Keine verhaltensauffälligen oder sonstwie beeinträchtigten Kinder mit durchschnittlicher Lernfähigkeit.

Festgestellt wurde die Lernbehinderung durch einen anerkannten standardisierten Intelligenztest. An jeder Sonderschule gab es speziell für die Testung ausgebildete Sonderpädagogen.

Die Bremer Sonderschulen für Lernbehinderte erlaubten einen ruhigen Unterricht. Schülerinnen und Schüler mit dem Sonderschulabschluss galten etwas bei den Firmen, weil sie Arbeitstugenden gelernt hatten. Besonders erfolgreiche Sonderschüler besuchten einen Aufbauzug in der Schule in der Vahr, dort konnten sie den Hauptschulabschluss erwerben.

Für schwer verhaltensgestörte Kinder gab es eine spezielle Sonderschule (am Brommyplatz, später an der Fritz-Gansberg-Straße).

Dann kam man in Bremen auf die glorreiche Idee, die verhaltensgestörten Schüler mit durchschnittlicher Intelligenz auch in die Lernbehindertenschulen zu geben, um die Regelschulen zu entlasten. Man taufte sie um: Förderzentren für Lernen, Sprache und Verhalten. Das änderte bei den aufnehmenden Sonderschulen das Klima vollständig zum Negativen.

Für die geistig Behinderten gab es eine spezielle Schule am Wandrahm. Diese war sehr gut ausgestattet, von der Einrichtung (eigenes Schwimmbad!) bis zum Personalschlüssel. In dieser Schule fanden sich Kinder mit einem breiten Spektrum verschiedenartiger Lernbehinderungen wieder. Das erforderte Pädagogen mit großen Fähigkeiten, heterogene Gruppen zu unterrichten. Die gab es da. Sie wurde geschlossen, die geistig Behinderten den Regelschulen zugeordnet, man nennt das Integration oder gar Inklusion. (Die Schule wurde abgerissen und gut verkauft, dort steht jetzt eine Edel-Immobilie für Senioren).

Ein so einschneidender Umbau des Schulsystems zu einem inklusiven System: alle werden gemeinsam unterrichtet, ist nicht nur pädagogisch schwierig und anspruchsvoll, er erfordert auch die Unterfütterung mit großzügigen Ressourcen. Sonst wird nämlich anscheinend der Beweis erbracht, das das alte System besser war. Die Ressourcenausstattung ist aber nicht in ausreichendem Maße gekommen, die Belastung der Lehrkräfte und Schulleitungen hat zugenommen.

Jetzt sind auch die lernbehinderten Kinder im Regelschulbereich. Das Ergebnis ist: Konzentration des Niveaus auf die schwachen und beeinträchtigten Schüler und eine Absenkung des allgemeinen Niveaus. Die nun frei gesetzten Sonderpädagogen werden jetzt zur Förderung oder Beratung eingesetzt.

Die Lehrer sind damit hochgradig belastet. Außerdem: die Integration bzw. Inklusion betrifft die Gymnasien so gut wie gar nicht! Die Trennung der Schülerschaft nach dem allgemeinen Leistungsniveau ist also nur woanders hingewandert, und die Qualitätsdifferenz verläuft nun mitten durch die Schülerpopulation.

Durch die hohe Aufnahmequote (die Leute kämpfen ja heftig um einen Platz im Gymnasium, weil das Umfeld und die Chancen dort einfach besser sind) in den Gymnasien haben wir nun eine entsprechend hohe Abiturientenquote, aber ebenfalls verbunden mit einer Absenkung des Leistungsniveaus.

Früher gab es erhebliche Unterschiede der Leistung in den Schularten. Jemand aus der Lernbehindertenschule hatte keine Chance, während der Vollschulzeit wieder ins Regelsystem zu gelangen.

Heute gibt es kein Sitzenbleiben mehr. Das hat zur Folge, dass Kinder mit schwachen Leistungen einfach durchgeschleift werden, man spart Geld, denn Klassenwiederholungen zahlt der Steuerzahler. Das bedeutet: die Kinder sind zwar im Regelschulsystem, aber sie haben ganz offenkundig wenig Chancen. Am Ende wird wieder aufgeteilt in Schulabschlüsse, und diese Aufteilung erfolgt nach Schulnoten.

Nett, mal zusammen in der Schule gewesen zu sein. Sprach der Rechtsanwalt zu dem Packer, die Professorin zu der Putzfrau.

Heute gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Stadtteilen. Manche Familien sehen sich die Schulen vorher an oder hören, was andere für Erfahrungen machen, und wenn sie es sich leisten können, ziehen sie lieber in einen Stadtteil, in dem die Schulen einen guten Ruf haben. Oder: sie geben ihre Kinder in eine Privatschule.

Jetzt haben wir auch noch das Problem mit den Migrantenfamilien, die kein Deutsch sprechen.

Was das für den Unterricht bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen.

In einigen Schulen sind die nativ-deutschen Kinder so stark in der Minderheit, dass sie Mühe haben, Freunde zu finden, die deutsch sprechen.

Die Sprachförderung saugt dann alle Fördermöglichkeiten der Schulen auf, so dass Kinder mit Lese-Rechtschreib- oder Rechenschwäche nicht mehr ordentlich gefördert werden.

Das ist das Ergebnis, wenn sogenannte Progressive alles ummodeln, ohne dass aber die entsprechenden Ressourcen bereit gestellt werden. In der Gesellschaft gibt es zunehmend Ungleichheit, und die Schulen sollen Gleichheit herstellen. Das kann nur zur Verschleierung der realen Probleme führen.

Das ist wohl auch ein Grund, warum die SPD-Bundesländer überwiegend schlecht, die Bayern und Baden-Württemberger eher gut in internationalen Untersuchungen abschneiden.

Es gibt aber noch weitere Probleme mit den Grundschulen.

Die Grundschulen sind seit Jahrzehnten Experimentierfeld für Reformpädagogen, inhaltlich.

Es wird nicht mehr in ausreichendem Maße gelesen, geschrieben oder gerechnet, nein, man hat Deutsch, Mathematik, grammatische Formen werden schon in der Grundschule lateinisch bezeichnet. Man lernt auch schon mal ein wenig Fremdsprache. Es macht sich anscheinend gut, wenn die Grundschule ein weni gymnasial getüncht wird.

Das motorische schreiben Üben, Kopfrechnen, kleines Einmaleins, also das Einüben mechanischer Fertigkeiten, die als Grundlage für die höheren Klassen unabdingbar sind, das ist dagegen nicht schick.

Die Kinder dürfen mindestens zwei Schuljahre schreiben wie sie wollen, krakelig, nicht rechtschreibgemäß, im vierten Schuljahr ist das regelgerechte Schreiben, flüssiges Lesen, das Einmaleins plötzlich ganz wichtig für den Übergang in die weiterführenden Schulen.

Am schlimmsten war die Zeit, wo die Kinder gleich in ganzen Sätzen lesen sollten und statt zu rechnen die Mengenlehre serviert bekamen.

Ach ja, der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es früher Schulreifestests gab. Diese prüften großenteils die motorische Entwicklung der Kinder, die ja für das Schreiben Lernen sehr wichtig ist. Kinder konnten ein Jahr zurückgestellt werden und kamen in den Schulkindergarten, später die Vorklasse. Das war dann unmodern, weil mit dem Begriff „Auslese“ behaftet. Man sparte die Vorklassen ein und verteilte die verbleibenden Sozialpädag-inn-en auf die ersten Klassen. Jetzt werden Sprachtests gemacht, weil das Problem mit den nicht deutsch sprechenden Kindern viel virulenter ist. Scheint.

Warum schreibe ich das alles?

Es geht mir nicht darum, ein pädagogisch-politisches Pamphlet zu schreiben. Ich möchte, dass Sie nicht einfach denken, o.k. ich schule mein Kind in die zuständige Grundschule ein, und dann wird schon alles gut gehen.

Sie sollten bei Ihrem Kind auf bestimmte Dinge achten, und gegebenenfalls Alarm schlagen.

1. Hat sich ihr Kind bisher gut entwickelt und ist zufrieden? Verändert sich das nach Eintritt in die Schule? Ist es morgens schlecht gelaunt, will es nicht lernen, ist es weniger aufgeschlossen als in der Kindergartenzeit?

2. Beklagt sich ihr Kind darüber, dass im Unterricht Chaos herrscht? Kommen viele Kinder zu spät, stören, schlagen?

3. Findet es keine Freundinnen und Freude?

3. Gibt es Hausaufgaben auf, die ihr Kind nicht allein bewältigen kann? Das könnte ein Beleg dafür sein, das das Kind im Unterricht abschaltet oder dass gar kein geregelter Unterricht abläuft.

4. Ein Kind lernt normalerweise bis zum Ende des 2. Schuljahres die Grundzüge im Lesen, Schreiben, bis 100 addieren und subtrahieren, etwas 1mal1. Wenn nicht, muss es gefördert werden.

5. Wenn sie kein gutes Gefühl mit der Situation ihres Kindes in der Klasse haben, laden Sie sich in den Unterricht ein. Manchmal erzählen einem die Lehrer oder gar die Schulleitungen Märchen.

6. Wenn etwas in der Schule nicht läuft, versuchen die Pädagogen die Sorgen mit Ihrem Kind gern als individuelles Problem abzutun. Manchmal erzählen sie allen Eltern dasselbe: „Ihr Kind“. Bleiben Sie freundlich misstrauisch.

7. Bedenken Sie, wenn es in den ersten zwei Schuljahren nicht gut läuft für ihr Kind, dann sind bald vier Jahre herum, und mit dem Gymnasium wird es erst einmal nichts. Und wenn das Kind die Grundlagen im Lesen, Schreiben, Rechnen bis dahin nicht erworben hat, wird es auch später meist nichts mit einem ordentlichen Schulabschluss.

8. Wenn Sie mit der Schule nicht zurecht kommen, es gibt Privatschulen, die Konfessionsschulen sind kostenlos, mit den anderen kann man verhandeln.