42 uwewiestLernen und Zusammenleben

Dr. Uwe Wiest, Dipl.-Psych., Leiter des Schulpsychologischen Dienstes Bremen  a.D.

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Migranten-Idiosynkrasie und -phobie im Osten Europas: Aus der Geschichte nur zu verständlich.

© Dr. Uwe Wiest, 29. September 2018

Die Demonstrationen gegen Migranten in Sachsen, die Abwehr der ehemaligen Ostblockstaaten, vor allem Polen, Ungarn, der Slowakei und Tschechien, gegen die Aufnahme von Flüchtlingen, werden von vielen in West-Deutschland und West-Europa mit wenig Verständnis und ungläubigem Staunen zur Kenntnis genommen.
Die abwehrende Haltung gegenüber Migration aus Krisenländern und Armutsgebieten ist zum Teil ausgesprochen emotional und aggressiv. Freundliche Menschen wie du und ich bekommen Schaum vor dem Mund bei dem Thema. Politiker, die die diese Haltung unterstützen, erzielen enorme Wahlerfolge.
Die Gegenreaktion besteht häufig in Rassismus-Vorwürfen (klar, die Nazis klinken sich da ja auch gern ein) oder man versucht sich in wirtschaftlichen Erklärungen, dem zunehmenden Arm-Reich-Gefälle, oder der Konkurrenzangst um einfache Arbeitsplätze und Sozialleistungen, oder der fehlenden Bildung mancher Leute.

Dabei wird übersehen, dass die ehemaligen Ostblockstaaten, die jetzt die Visegrád-Gruppe genannt werden, eine ganz andere Geschichte haben als Westeuropa und selbst die Bonner Bundesrepublik.
Die Ostblockstaaten erfuhren nach dem zweiten Weltkrieg eine autoritäre Fremdbesatzung und -steuerung, die immer wieder aufs Neue von der Regierung in Moskau militärisch erzwungen und aufrechterhalten wurde. Das ging so weit, dass der ungarische Ministerpräsident 1958 von der russischen Regierung hingerichtet wurde. Die Angehörigen der besetzten Nationen des sogenannten Warschauer Paktes waren Menschen zweiter Klasse im eigenen Land: „Eingeborene“. Das Bekenntnis der stalinistisch-sozialistischen Doktrin wurde den Menschen aufgezwungen („Stasi“). Eine eigene staatliche und kulturelle Entwicklung wurde von den Sowjets und ihren Vasallen behindert, abgewürgt oder in den Untergrund gedrängt.
Damit wurden die propagierten sozialistischen und internationalistien Inhalte letztlich verunglimpft und ins Gegenteil verkehrt („Völkerfreundschaft“).
Polen war natürlich am schlimmsten betroffen, immer wieder geriet das Land unter die Herrschaft von Nachbarstaaten, zuletzt unter die brutale deutsche Nazi-Besetzung. Nach 1939 wurden polnische Städte und Gebiete eingedeutscht. 1945 wurden viele Polen rücksichtslos umgesiedelt und mit Güterwagen in die bisherigen deutschen Ostgebiete verfrachtet. Polen hatte somit noch nicht einmal ein historisch dauerhaftes Territorium, mit dem sich die Bevölkerung identifizieren konnte. Tschechien erging es nicht viel besser.
Aus dieser historisch begründbaren Situation heraus, nämlich der mehrfachen Kränkung dieser Völker als zweitrangig und auslandsgesteuert, lässt sich die heftige Reaktion gegen die Einwanderung anderer Volksgruppen verstehen. Die Fremdbesatzungen sind sicherlich nicht verdaut, jetzt sollen ihnen von der Europäischen Union Menschen anderer Nationen aufgezwungen werden. Man will unter sich sein und sich entwickeln und nicht wieder fremdbestimmt werden.

Richten wir den Focus jetzt einmal auf die ehemaligen beiden deutschen Teilstaaten:
Das spätere Gebiet der BRD und der DDR wurde 1945 von den Alliierten besetzt und aufgeteilt.
In den westlichen Besatzungszonen fand schnell eine Versöhnung mit der deutschen Bevölkerung statt. Auch wenn die Alliierten West-Deutschland lange Zeit nicht alle Souveränitätsrechte zubilligten, konnte die Bundesrepublik sich doch ungehindert wirtschaftlich entfalten Es war Konsens, dass die Bundesrepublik zu den westeuropäischen Staaten zählte und geachtet wurde. Vor allem aber konnte dieser Teilstaat, in dem die Majorität der deutschen Bevölkerung lebte, sich nach innen entwickeln. Es gab von den sechziger Jahren an einen harten Generationenkonflikt, in dem sich die Demokratie als Ordnungsmacht und als Staatsform bewähren musste, die Widerstand zulässt und grundsätzlich erträgt, und in der die Gewaltenteilung nicht angetastet wird.
Das führte bis zum heutigen Tag zum Grundkonsens, verschiedene Meinungen und Milieus aushalten zu wollen. Die schreckliche Nazi-Vergangenheit wurde letztlich doch selbstbewusst aufgearbeitet, in dem dieser Staat sich ausdrücklich zu der Schuld an den verübten Gräueln in Europa bekannte.
Ganz anders die Entwicklung in der Ostzone, der späteren Deutschen Demokratischen Republik. Die russischen Besatzer und ihre deutschen Helfer enteigneten Bauern und Selbständige mit massivem Druck und zwangen den Menschen ihre sozialistisch-atheistische Religion auf. Typisch für die DDR: diese roten Spruchbänder, die den Leuten des Sozialismus einhämmern sollten. Die Schulkarrieren von Kindern wurden herkunfts- und bekenntnis-orientiert reguliert. Das Stasi-System: ein System der Einschüchterung und Denunziation im Dienst der Fremdbestimmung durch eine ausländische Großmacht.
Waren diese Tatbestände nicht schon demütigend genug, so mussten die Bewohner der Ostzone die Erfahrung machen, dass in ihrem Pseudostaat Produkte hergestellt wurden, die sie nicht kaufen konnten, die man nur gegen West-Devisen bekam, also nur mit dem Geld des angeblichen Klassenfeindes. Im Fernsehen wurde ihnen gezeigt, wie die Westdeutschen in Saus und Braus zu leben schienen, reisen konnten, und sich politisch gegenseitig in die Haare kriegen durften, ohne dass die NATO gleich einmarschierte. Sie selber wurden geduckt, sie mussten sich immer wieder öffentlich bekennen, sie mussten an Pseudo-Wahlen teilnehmen, bei denen sie nichts zu wählen hatten. Der Staat nötigte zu Bekenntnis und Zuneigung.
Wer konnte, setzte sich in den Westen ab, und diese Bewegung wurde ab 1961 vom ostdeutschen Staat mit unglaublicher Gewalt unterbunden und kriminalisiert. Die DDR-Regierung hielt die Bevölkerung unter Generalverdacht: alles potentielle Republikflüchtige.
Nach der Wende 1989 erfolgte quasi eine neue Besatzung oder Besetzung, wirtschaftlich und in der Verwaltung. Viele Menschen suchten nun ihr Glück im Westen, aus dem Westen kamen Wirtschaftsunternehmen, Professoren, Verwaltungsbeamte. Der Westen beglückte den Osten nun mit Demokratie, Konkurrenz und Arbeitslosigkeit. Gewachsene Strukturen, die man durchaus als Errungenschaften bezeichnen konnte, wie die Organisation des Gesundheits- und des Schulwesens, wurden ohne Diskussion abgeschafft und gleichgeschaltet. Viele Westler bekamen ihre Vorkriegs-Immobilien zurück. Die Renten blieben ungleich.
Wieder war es den Bewohnern der nunmehr Neuen Bundesländer nicht gegeben, sich eigenständig zu entwickeln, was manche Teilnehmer an den Runden Tischen nach der Wende gefordert hatten. Ihr Beitrag zur Beseitigung dieses stalinistischen Staates war eine Momentaufnahme, jetzt hieß es: vom Westen Lernen, vom Westen übernehmen.
Symbolisch: der Abriss des Palastes der Republik in Berlin.
Der Bevölkerungs-Aderlass vor dem Mauerbau und dann nach der Grenzöffnung bedeutete auch, dass überproportional viele dynamische Menschen das Land verlassen haben.
Das alles sind Faktoren, die im Osten Deutschlands nach wie vor unterschwellig kränkend wirken.

Zwar: vielen Deutschen in den westlichen Bundesländern wird "das mit den Migranten" langsam zu viel, vor allem mit Migranten, die sich mit orientalischen Vorstellungen vom Zusammenleben in ganzen Stadtteilen zusammenballen. Der Regierung wird zu Recht vorgehalten, in der Flüchtlings- und Migrationsfrage jahrelang schlampig gearbeitet zu haben. Allerdings ist die Mehrheit der „immer schon“ Deutschen bereit, andere Menschen eher individuell zu beurteilen und Einzelschicksale zu würdigen, man hat eben die Möglichkeit, Menschen mit Migrationshintergrund1, konkret kennenzulernen und zu differenzieren. Überall gibt es solche und solche. In der Sozialpsychologie gilt eine Regel, die ein gewisser Herr Homan aufgestellt hat: Kontakt schafft Sympathie.  Diese individuellen Erfahrungsmöglichkeiten haben die meisten Menschen in den östlichen Bundesländern nicht, sie haben eine abstrakt begründete Angst vor den Fremden, die ihre schwache Erfolgsgeschichte aufs Neue zu bedrohen scheinen – Fremde wollen sie erneut zweitrangig machen.
Was ist die Konsequenz aus dem Gesagten? Es ist nicht leicht, einer bevölkerungspolitischen Umwälzung ausgeliefert sein. So ist der Mensch nicht gebaut: es ist in seinen Genen, dass die Sippe2 unter sich sein will. Die Menschen haben natürlich auch einen Verstand und die Fähigkeit zur Empathie. Aber die Gefühlsstruktur ist eher: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist oft schwer genug. Aber die anderen sollen bei sich zu Hause bleiben.
D
ie Westdeutschen sind die Nachfahren jenes Regimes, das aus rassistischen Gründen alle slawischen Bewohner Europas zu Menschen zweiter Klasse erklärt und sie dann auch so behandelt hat, Sie hatten die Gnade, nach dieser erbärmlichen Niederlage wieder Anerkennung zu finden. Also ist Schonung für jene angebracht, die diese Gunst nicht erfahren durften.

Politiker: erlaubt ihnen ausdrücklich, unter sich bleiben zu dürfen. Das nimmt gewaltig Druck aus dem Kessel und schwächt die braunen Schalmeienspieler.
Wartet ab, bis die Menschen sich entspannen und von sich aus eine Willkommensstruktur entwickeln.
Das ist dann kein Einknicken vor den Rechten, sondern ein Zeichen weiser Empathie.


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1    Die Definition von „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist fragwürdig und umfasst keine klar umrissene Gruppe, sondern sehr heterogene Menschenschicksale und persönliche Entwicklungen. Es wäre gut, mit dieser Begrifflichkeit aufzuhören und stattdessen konkreter zu beschreiben, von welchen Menschen man gerade redet.
2    Was das auch heutzutage auch immer sein soll, die Sippe.

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