Beratung

 

Personenzentrierte Gesprächsführung

Inhaltsverzeichnis

Modellfall:

Ziele:

Voraussetzungen bei Therapeuten

Voraussetzung bei Klienten

Die Beziehung zwischen Therapeut und Klient

Warum das Begleiten so schwer ist

Beispiele für begleitende Äußerungen der Therapeuten

Weitere Beispiele

Nach acht Stunden

Schlussbemerkung

Ziele:

Die Bewältigung eines akuten Problems.

Die mittel- und langfristige Verbesserung der Problemlösefähigkeit.

Förderung des inneren Dialogs, der Auseinandersetzung mit sich selbst, des konstruktiven Selbstgesprächs.

Abbau von Ängsten und anderen unerwünschten Gefühlen („Löschung“).

So werden, wie man sein möchte: das Selbst-Bild nähert sich dem Ideal-Bild an.

Modellfall:

Therapeut.

Nicht im juristischen Sinne, sondern als Rolle in einer Gesprächssituation.

Jemand, der im Gespräch einer anderen Person bei einem emotionalen oder zwischenmenschlichen Problem behilflich sein möchte.

Anwendbar auf die Situation des Psychotherapeuten, von Lehrern in besonderer Funktion, von Freunden ...

Klient.

Jemand der ein Problem hat und Hilfe wünscht.

Beziehungen,

Emotionen wie verschiedene Ängste, Zorn, Resignation, Trauer, Gedankendrängen, Unkonzentriertheit, Planlosigkeit, Sinnkrise, Zwangshandlungen usw.

Zeitrahmen.

Sagen wir mal 8 Stunden á 45 Minuten. Das heißt: es ist Zeit genug. Keine Schnellschüsse. Aber auch keine lebenslange Betreuung.

Voraussetzungen bei der Therapeutin, dem Therapeuten

Ungünstig:

Verabsolutierung der eigenen Lösungswege. Sich selber als perfekt und richtungsweisend sehen, Klienten grundsätzlich als defizitär: man muss sie auf den rechten Weg führen.  Kein Bewusstsein, wie sich seelische Not anfühlt.

Günstig:

Offenheit: es gibt verschiedene Meinungen, unterschiedliche Lösungswege für unterschiedliche Personen, wenn man im Leben etwas geworden ist, heißt das: Zur rechten Zeit am rechten Ort mit den gerade im Kurs stehenden Talenten – und einfach auch Glück gehabt.

Sich bewusst sein, dass man auch selber in ein Krise kommen kann, wo die Bordmittel nicht recht helfen.

Mit anderen Worten: Offenheit, Bescheidenheit.

In Bezug auf Klienten: wenig vorgefasste Meinungen, Neugier, Beratung als Forschung, also Entdeckerfreude.

Geduld.

Voraussetzung bei der Klientin, dem Klienten

Das eigene Verhalten und die eigene Situation als prinzipiell veränderbar ansehen.

Das heißt: die Probleme, die Klient hat, sind nicht ausschließlich durch andere Personen und Ereignisse entstanden und werden auch nicht ausschließlich durch andere aufrecht erhalten. Wenn die Probleme ausschließlich „von außen“ erzeugt und aufrecht erhalten werden, sind Gespräche nicht das geeignete Mittel, und Therapeut wird keinen Ansatz für eine Veränderung finden.

Das ist nicht so einfach, weil gerade starke Probleme sackgassenmäßig wahrgenommen werden. Wo man keine Lösung im eigenen Verhalten sieht, mag man denken, dass es eine solche gar nicht gibt.

Sich selber infrage stellen ist oft mit Schuldgefühlen und Selbstzweifeln verbunden. Daher schätzen wir die Voraussetzungen sehr großzügig ein.

Ein Ziel der Therapie ist gerade die Versachlichung. Klient hat das Problem, nicht weil Klient schuldig oder unfähig ist, sondern weil das Problem eine Aufgabe ist, für die eeine Lösung gefunden werden soll.

Die Beziehung zwischen Therapeut und Klient

ist nicht die des Lehrers im platten Sinne, der seinem Schüler etwas vermittelt. Dann müsste Klient einfach warten, dass Therapeut die Lösung aus der Tasche zieht, und keinen eigenen Beitrag leisten.

Jawohl Herr Lehrer, mach' ich!

Therapeut hat die Aufgabe, das Selbstgespräch des Klienten zu fördern.

Klient wird Wahrnehmungsbarrieren, Denktabus abbauen, sich selber realistischer sehen und akzeptieren, und Lösungsmöglichkeiten entdecken.

Klient soll mehr Lust auf Experimentieren, etwas Ausprobieren, bekommen.

Therapeut begleitet Klienten im Gespräch, indem er Gedanken, Gefühle, Bilder, Empfindungen mit verfolgt und verbalisiert.

Er spiegelt sozusagen den inneren Dialog des Klienten – Schritt für Schritt, Aussage für Aussage. Therapeut ist also ein Begleiter. Er präzisiert manches, fasst zusammen, drückt etwas mit anderen Worten aus.

Therapeut widerspricht nicht und gibt Klient auch nicht recht. Das ist nicht sein Job.

Er sagt zum Beispiel nicht: "Ihr Chef gibt Ihnen keine Chance.", sondern "Sie glauben, dass Ihr Chef Ihnen keine Chance geben will." - "Sie haben die Erfahrung gemacht, das Ihr Chef Ihnen keine Chance gibt." Denn: Sie kennen den Chef ja gar nicht. Sie erfahren nicht mehr und nicht weniger als das, wie Klient über den Chef denkt.

Die Wirkung ist:

Klient muss sich nicht mit den Bewertungen des Therapeuten auseinandersetzen, er muss nicht begründen, warum etwas so ist und nicht anders (keine „Warum“-Fragen). Er muss dich nicht mit Ideen des Therapeuten beschäftigen, die nicht zu passen scheinen. Klient bleibt bei sich und kann sich mehr und mehr entspannen und in Ruhe reflektieren: seinen eigenen Weg suchen, finden, ausprobieren.

Warum das Begleiten so schwer ist

Laien-Therapeuten meinen, verpflichtet zu sein, „die Dinge in die Hand zu nehmen“. Sie halten es oft nicht aus, dass Klient auf der Stelle tritt. Wo einem doch so viele naheliegende Gedanken dazu durch den Kopf gehen: „Warum macht sie nicht einfach dies und das? Warum hört sie nicht einfach auf damit? Also, ich hätte doch längst dies und das getan.“

In diesem Sinne aktive Therapeuten verkürzen aber die Behandlung nicht, sondern verlängern sie, weil sie die Selbst-Auseinandersetzung behindern.

Einsichten, die der Therapeut hat und nicht der Klient, werden nicht gern angenommen. Einsichten, die der Klient selber entwickelt,  sind tausend Mal wertvoller und wirksamer!

Wenn Therapeut auf „Schnellschüsse“ verzichtet und die Gedanken des Klienten begleitet, muss er schon ein wenig mitleiden bei dem Prozess der Auseinandersetzung mit dem Problem. Er muss bei sich selber Ruhe einbringen, das strahlt auf den Klienten aus. Ja, es ist Klient erlaubt, auf der Stelle zu treten, nicht so recht ein noch aus zu wissen.

Ein ruhiges Gespräch ohne Lösungsdruck, das entspannt. Es tut Klient gut, bedrohliche, ärgerliche, zur Verzweiflung bringende Dinge auszusprechen, Klient wird ruhiger, er „desensibilisiert“.

Bei nachlassender Überflutung durch Emotionen kann Klient immer lockerer nachdenken. Harte negative Emotionen lähmen die Verstandeskräfte, das begleitende Gespräch schafft die Voraussetzung dafür, dass Klient sich besser auf die Situation und später auf die Lösung konzentrieren kann.

Beispiele für begleitende Äußerungen der Therapeutin, des Therapeuten:

1

So geht’s:

Klientin: Ich komme mit meinem Mann einfach nicht ins Gespräch. Wenn ich ein Thema anspreche, zum Beispiel seine Unordnung, geht er sofort auf Abwehr und wird gereizt.

Therapeut: Was Sie auch sagen, sie merken gleich, wie er abblockt. oder:

Therapeut: Sie wissen einfach keinen Weg, wie Sie mit ihm in ein ruhiges Gespräch kommen. oder:

Therapeut: Sie wollen das einfach mal ganz sachlich besprechen, ohne dass gleich ein Streit daraus wird. oder:

Therapeut: Sie sind genervt von seiner Unordnung, aber wenn Sie das ansprechen, ist er sofort gereizt. oder:

Therapeut: Sie haben einfach keinen Mut mehr, ihn darauf anzusprechen. Es scheint zu nichts zu führen.

Die Beispiele sollen zeigen: es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Verstandene auszudrücken.

Sie bekommen sofort eine Rückmeldung, ob Sie das Wesentliche verstanden haben.

Es ist überhaupt nicht wichtig, dass Klient in den nächsten Minuten zu einer Bahn brechenden Einsicht kommt. Wichtig ist, dass das Gespräch in lebendigem Fluss bleibt.

So nicht!

Im Folgenden einige Therapeuten-Antworten, die nicht begleitend sind, sondern den inneren Dialog des Klienten stören:

Es lohnt sich, diese Beispiele mit den Beispielen für ein begleitendes Gespräch zu vergleichen. Sie enthalten alle einen offenen oder verdeckten Vorwurf, die Ratschläge sind unkonkret, der Therapeut hat sich nicht versichert, ob Klient das angeregte Verhalten überhaupt möglich ist. Folge: der Gesprächsfluss wird abgewürgt.

Therapeut: Was verstehen Sie denn unter Unordnung? 

Therapeut: Haben Sie es vielleicht schon zu oft versucht? Klammern Sie das Thema doch einfach mal eine Weile aus. 

Therapeut: Versuchen Sie mal, konkret und sachlich zu sein, und nur eine Sache zur Zeit anzusprechen. 

Therapeut: Ist es denn so schlimm, wenn Sie ihm ein wenig hinterher räumen? Sie können dann zu ihm sagen: ich habe mal klar Schiff gemacht. Dann hat er eine Gelegenheit, Sie zu loben. 

Therapeut: Sie müssen einfach hartnäckig und konsequent immer wieder davon anfangen, bis er es endlich kapiert, dass er damit nicht durchkommt. 

Therapeut: seinen Sie freundlich, aber konsequent, und wenn er ärgerlich wird, bleiben Sie ruhig und lassen Sie sich nicht vom Thema abbringen. 

Das klingt alles ganz vernünftig, so verlaufen oft Alltagsgespräche. Aber deshalb sind Alltagsgespräche auch so wenig hilfreich.

2

Noch ein positives Beispiel. So geht’s:

Klientin oder Klient: Vor jeder Mathe-Klausur dasselbe Lied: ich kann mich einfach nicht aufraffen, zu üben, und wenn, dann halte ich nicht lange durch.
Kurz vor der Klausur bin ich dann in Panik, und wenn es dann so weit ist, kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Therapeut: Sie wissen, wie Sie sich vorbereiten müssen, aber es widersteht Ihnen einfach.

Therapeut: Es ist immer dasselbe, und es ist einfach ätzend.

Therapeut: Sie kennen sich ganz genau, aber Sie kommen da einfach nicht raus.

Therapeut: Mathe macht Ihnen einfach keinen Spaß, es ist für Sie eine Qual, sich damit zu beschäftigen.

Therapeut: Sie wissen, wie es endet, aber beim nächsten Mal ist es wieder das Gleiche. Sie haben die Nase soo voll davon.

Therapeut: es sind zwei Sachen: das Anfangen und das Dabei-Bleiben. Beides fällt Ihnen schwer.

Therapeut: Sie sind immer am Kämpfen, und am Ende verlieren Sie.

Therapeut: Sie merken selber, dass Sie Ihren Vorbereitungen aus dem Weg gehen, und welche Folgen das hat.

Nach acht Stunden

Fall 1

Wir kennen den Ausgang nicht. Es gibt eine große Anzahl von Möglichkeiten. Oder oder oder.

Klientin ist entspannter und freundlicher und plötzlich kommt es häufiger zu kleinen Gesprächen zwischen Frau und Mann.

Klientin trennt sich für eine Weile von ihrem Mann. Das war eigentlich schon lange fällig.

Klientin kommt zu dem Schluss, selber mal ein bisschen unordentlicher zu sein.

Beide einigen sich auf ein paar einfache Regeln und besprechen einmal in der Woche, ob das Einhalten geklappt hat.

Beide finden heraus, dass die Gereiztheit nur vordergründig am Thema „Unordnung“ gelegen hat. Sie wollen jetzt das wirkliche Problem angehen.

Klientin bringt ihren Mann zu einem Gespräch mit.

Klientin findet heraus, dass sie ihren Gesichtsausdruck und ihren Tonfall gegenüber dem Mann ändern sollte.

Klientin lässt sich durch die übellaunige Reaktion des Mannes nicht abschütteln. Sie riskiert einen richtigen Krach.

Das hat dann sie herausgefunden. Das ist ihr Weg.

Fall 2

Wir kennen den Ausgang nicht. Es gibt eine große Anzahl von Möglichkeiten. Oder oder oder.

Klientin oder Klient nimmt Nachilfestunden.

Klient geht von der Schule ab und beginnt eine Ausbildung.

Klient wird entspannter, regt sich nicht mehr so über die Zumutung des Lernens auf. Und – es geht besser.

Klient erarbeitet sich mehr Lust zu Mathe und kommt in eine positive Bedingungsspirale: Besser vorbereitet, bessere Klausur, danach noch bessere Vorbereitung …

Klient tut sich mit einem motivierten Schüler zusammen und hilft diesem bei seinen Schwächen in Englisch.

Klient lernt eine Freundin (Klientin einen Freund) kennen, die ihn unterstützt und seine Lebensfreude erhöht.

Klient fragt eine nette Lehrkraft um Rat.

Das ist das Tolle bei der begleitenden Gesprächsführung: beide wissen nicht, wohin es führt. Aber es entwickelt sich etwas, und der Therapeut vermittelt Vertrauen, dass sich etwas tun wird.

Wem diese Art der therapeutischen Begleitung zunächst fremd vorkommt, der probiere es einfach mal aus. Am Anfang mal für 10 Minuten ….

Weitere Beispiele

Beispiel 1: Lehrerin als Klient, Psychologe, Beratungslehrer, guter Freund als Therapeut.

Beispiel 2: der mittelständische Unternehmer.

Die Beispiele beginnen mit einem geschlossenen Text. Dann folgt zu jeder Mitteilung von Klient eine Auswahl möglicher begleitender Äußerungen von Therapeut.

Natürlich führt jede begleitende Äußerung unter Umständen zu einem etwas anderen Gesprächsverlauf. Bei den Beispielen soll gezeigt werden: Therapeut geht ausschließlich auf die Mitteilung davor ein. Nur so gelingt es, auf das jeweils gegenwärtig bestehende Gefühl anzusprechen.

Schlussbemerkung

Das Dargestellte ist in einfachen Worten das Wesentliche der wissenschaftlichen Gesprächstherapie nach Carl Rogers und Reinhard Tausch.

Die wissenschaftliche Formulierung des Prinzips:

Einfühlendes Verstehen, nicht an Bedingungen geknüpfte Wertschätzung und Echtheit seitens des Therapeuten führt zu vermehrter Selbstöffnung und Selbstauseinandersetzung auf Seiten des Klienten (beiderlei Geschlechts).

Psychotherapeuten mit einer Aus- oder Fortbildung in personenzentrierter Gesprächstherapie finden das selbstverständlich. Es gibt aber auch Berater und Therapeuten, auch im klinischen Bereich, die davon nichts mitbekommen haben. Auch für andere Heilberufe und heilpädaogische Berufe vermittelt das Konzept wesentliche  Anregungen.